Man blickt hinauf zu den emporragenden Bögen einer gotischen Kathedrale, der Stein strebt dem Himmel entgegen, und dort sind sie. Auf dem Rand des Abgrunds thronend, in einem ewigen Knurren erstarrt, befinden sich die Monster. Sie haben die Flügel von Drachen, die Gesichter von Dämonen und die Augen von etwas, das seit Jahrhunderten nicht geschlafen hat. Wir nennen sie Wasserspeier. Wir stellen sie uns als stille Wächter vor, die vielleicht das heilige Land unter ihnen vor den übernatürlichen Übeln schützen, denen sie ähneln.

Doch wenn man die Gerüststufen hinaufsteigen und einem dieser Wesen auf die Schulter klopfen würde, fände man vielleicht eine weitaus praktischere – und weitaus weniger mystische – Wahrheit heraus. Die meisten dieser furchterregenden Kreaturen sind nicht dazu da, Dämonen zu bekämpfen. Sie sind nicht da, um Ihre Seele zu schützen. Tatsächlich sind sie nicht einmal Wasserspeier.

Die Identitätskrise des Steins

In der Welt der Architektur kommt es auf die Namen an. In der Welt der gotischen Steinmetzkunst gibt es eine Unterscheidung, die so scharf ist, dass sie das Legendäre vom rein Dekorativen trennt. Wenn Sie ein Steinmonster sehen, das auf die Straßen von Paris oder Tallinn hinabblickt, ist Ihr Instinkt, es einen Wasserspeier zu nennen. Aber wenn dieses Monster aus massivem Stein besteht – wenn es lediglich eine Skulptur ist, die das Auge fangen oder einer Fassade ein Gefühl des Schreckens verleihen soll – liegen Sie technisch gesehen falsch.

Architekten nennen diese Statuen Grotesken[1]. Sie sind ornamental, rein ästhetisch und vollkommen unbeweglich. Sie mögen so aussehen, als würden sie jeden Moment zum Leben erwachen, aber sie erfüllen keinen mechanischen Zweck. Sie sind das rein dekorative Beiwerk der Kathedralenwelt.

Ein echter Wasserspeier hingegen hat eine Aufgabe. Eine sehr spezifische, sehr unsaubere und sehr wichtige Aufgabe. Um den Titel zu verdienen, muss ein Wesen mehr als nur ein Gesicht sein; es muss ein Kanal sein. Es muss eine Rinne sein[1].

Die Ingenieurskunst eines Monsters

Um zu verstehen, warum diese Unterscheidung existiert, muss man den Feind eines jeden großen Steinbaus verstehen: das Wasser. Im Mittelalter war Regen nicht nur eine Unannehmlichkeit; er war eine bauliche Bedrohung. Wenn Regen auf eine massive Steinkathedrale trifft, bleibt er nicht einfach dort liegen. Er läuft die Wände hinunter, sickert in die Ritzen, durchtränkt das Mauerwerk und erodiert schließlich den Mörtel, der den gesamten Gebirgszug aus Stein zusammenhält[1].

Die Architekten der Gotik standen vor einem Dilemma. Wie leitet man massive Wassermengen von der empfindlichen „Haut“ eines Gebäudes weg, ohne dass sie das Fundament beschädigen? Die Antwort war ebenso brillant wie bizarr. Sie verwandelten das Entwässerungssystem in eine Menagerie.

Sie schnitzten lange, hohle Kanäle durch die Körper dieser Steinbestien. Das Wasser sammelte sich auf dem Dach, floss durch eine Rinne und wurde dann in den Mund des Wesens geleitet. Der Wasserspeier würde das Wasser dann „ausspucken“ und es weit weg von den Wänden des Gebäudes projizieren[1]. Das Monster war nicht nur Dekoration; es war eine Hochleistungs-Sanitärarmatur.

Funktion statt Furcht

Diese Erkenntnis verändert die Art und Weise, wie wir die Kunstgeschichte betrachten. Wir sehen uns oft die groteske Bildsprache des Mittelalters an – die verzerrten Gesichter, die Mischwesen, das pure Chaos der Formen – und nehmen an, dass sie ein Spiegelbild einer Welt war, die von dem schrecklichen Unbekannten besessen war. Wir glauben, die Künstler hätten versucht, die Dunkelheit der menschlichen Seele oder die Anwesenheit des Teufels einzufangen.

Obwohl die Bildsprache sicherlich ein spirituelles Element hatte – vielleicht den Glauben, dass diese Figuren das Böse abwehren könnten[1] – war der eigentliche Antrieb oft weitaus bodenständiger. Die „Monster“ waren eine Lösung für ein physikalisches Problem. Sie waren ein Weg, die essenzielle, wenig glamouröse Aufgabe des Wassermanagements so aussehen zu lassen, als sei sie göttlich oder vielleicht angemessen furchteinflößend.

Wenn Sie also das nächste Mal vor einer Kathedrale stehen, schauen Sie sich den Mund des Biests genau an. Wenn er trocken ist, blicken Sie auf eine Groteske – ein wunderschönes, furchteinflößendes Kunstwerk. Aber wenn Sie sehen, wie das Wasser durch die Kehle schießt und einen Strahl in die Luft projiziert, um den Stein vor dem Verfall zu retten, dann blicken Sie auf einen echten Wasserspeier: das furchteinflößendste Stück Sanitärtechnik, das je erfunden wurde.

Quellen

  1. Wikipedia: Gargoyle