Die Redewendung „Kanarienvogel im Kohlebergwerk“ klingt heute abstrakt, wie etwas, das in Konferenzräumen gesagt wird. Unter Tage war sie wörtlich gemeint. Bergleute nahmen tatsächlich Kanarienvögel mit, um Kohlenmonoxid zu erkennen, und in manchen Fällen trugen sie winzige Sauerstoffkammern, damit die Vögel nach einer Vergiftung wiederbelebt werden konnten.[1]

Dieses Detail verändert das Bild. Die übliche Version ist brutal einfach: Der Vogel stirbt, die Männer leben. In Wirklichkeit war das System seltsamer und ein wenig menschlicher. Kanarienvögel wurden eingesetzt, weil sie auf giftiges Gas schneller reagierten als Menschen. Wenn ein Vogel nicht mehr sang, Anzeichen von Not zeigte oder zusammenbrach, wussten die Bergleute, dass ihnen nur noch Minuten zur Flucht blieben.[1][2][3][5]

Die Praxis entstand aus einer Katastrophe heraus. Nach der Explosion der Tylorstown-Zeche in Wales im Jahr 1896 untersuchte der Physiologe John Scott Haldane die Todesfälle und half nachzuweisen, dass Kohlenmonoxid nach Grubenexplosionen und Bränden ein Haupttodesgrund war, nicht nur die Explosion selbst.[3][4] Diese Erkenntnis lenkte die Grubensicherheit in eine neue Richtung. Schließlich nahm man kleine Tiere mit unter Tage, weil sie vor giftigem Gas warnen konnten, bevor Menschen überhaupt etwas bemerkten.[3][4]

Bis 1911 gehörten Kanarienvögel in britischen Gruben zur Standardausrüstung, mit zwei Vögeln pro Mine.[2] Besonders nützlich waren sie, weil Vögel hocheffiziente Atmungssysteme haben und gefährliche Luft deshalb schneller aufnehmen als wir.[5] In einem Stollen, in dem Kohlenmonoxid farblos, geruchlos und geschmacklos war, konnte diese frühe Warnung den Unterschied ausmachen zwischen hinausgehen und niemals zurückkehren.[2][5]

Dann kommt der unerwartet zärtliche Teil. Bergleute hingen oft an den Vögeln. Spätere Berichte schildern Männer, die ihnen im Dunkeln pfiffen und sie fast wie Haustiere behandelten.[1][5] Das Science and Industry Museum in Manchester bewahrt einen „canary resuscitator“ auf, einen Käfig mit Sauerstoffzylinder und Ventil. Zeigte ein Vogel Vergiftungsanzeichen, konnte die Tür geschlossen und Sauerstoff in den Käfig geleitet werden, um ihn wiederzubeleben.[1]

Erst in den 1980er Jahren verloren Kanarienvögel diesen Job, als elektronische Detektoren sie in britischen Bergwerken ersetzten.[2][5] Die neuen Geräte waren auf Dauer billiger, lieferten klarere Messwerte und verlangten nicht, dass erst ein Lebewesen zusammenbrach.[2] Doch die alte Geschichte blieb, weil sie etwas Wahres über Gefahr festhält. Lange vor digitalen Sensoren hing das Überleben davon ab, das kleinste Leben im Raum zu beobachten und seiner Panik zu trauen, bevor der eigene Körper überhaupt etwas spürte.[1][2][3][5]


Quellen

  1. Exploring our collection: the canary resuscitator, Science and Industry Museum
  2. 1986: Coal mine canaries made redundant, BBC On This Day
  3. How 1896 Tylorstown pit disaster prompted safety change, BBC News
  4. John Scott Haldane, Encyclopaedia Britannica
  5. When Canaries Actually Worked in Coal Mines, Nautilus