Miguel Najdorf musste die Bretter nicht sehen. 1947, in São Paulo, saß er vor einem Raum voller Schachpartien und trug sie in seinem Kopf, eine Stellung nach der anderen, während die Zuschauer zusahen, wie ein Mann Erinnerung gegen Holz und Zeit spielte.[2]
Miguel Najdorf stellte 1947 einen Blindschachrekord mit 45 Brettern auf, teilweise in der Hoffnung, dass Zeitungen seinen Namen nach Europa tragen würden, wo überlebende Verwandte erfahren könnten, dass er am Leben war.
Laut ChessBase hatte die Ausstellung eine zweite Berechnung. Wenn die Leistung zu internationalen Nachrichten würde, könnte jeder aus Najdorfs zerbrochenem Familienkreis, der den Krieg überlebt hatte, seinen Namen sehen und nach ihm suchen kommen.[2]
Najdorf war 1939 in Buenos Aires bei der Schacholympiade, als Deutschland in Polen einmarschierte. Er war Jude und blieb in Argentinien, anstatt auf einen Kontinent zurückzukehren, der sich um Menschen wie ihn schloss.[1] Argentinien wurde sein Zuhause. Es wurde auch ein Wartezimmer.
Wikipedia und Chess.com listen die Familie in unverblümten, fast bürokratischen Begriffen auf. Seine Frau, seine Tochter, seine Eltern und vier Geschwister wurden im Holocaust ermordet.[1][3] Eine Schacheröffnung würde später seinen Namen tragen, aber zuerst musste der Name selbst ohne ihn reisen.
Blindschach-Simultanpartien verlangen vom Spieler, für jedes Brett einen privaten Raum zu schaffen. Ein Zug kommt an, die Stellung muss wiedergefunden, eine Antwort berechnet und das Brett an seinen mentalen Platz zurückgelegt werden. Najdorf hatte den Rekord bereits 1943 mit 40 Brettern gebrochen.[2] Vier Jahre später steigerte er ihn auf 45.
Chess.com listet das Ergebnis von 1947 als 39 Siege, 4 Unentschieden und 2 Niederlagen auf.[3] Diese Zahlen sind an sich schon absurd genug. Sie übersehen auch den seltsameren Druck im Raum. Das Publikum beobachtete einen Gedächtniswettkampf, während Najdorf die Reichweite von Printmedien, Gerüchten, Radio und Schachkolumnen testete.
Die 45-Bretter-Marke blieb bis 2011 in den Rekordbüchern, als ChessBase zufolge Mark Lang sie schließlich mit 46 Brettern übertraf.[2] Die meisten Rekorde altern zu Trivialitäten. Najdorfs behielt seinen zweiten Zweck bei, weil die Darbietung als Nachricht ohne Adresse aufgebaut worden war.
Das praktische Genie der Tat ist schwer von der Trauer zu trennen. Er ließ die Welt seinen Namen drucken. Irgendwo zwischen dem ersten Bauernzug und dem letzten erschöpften Partiezettel wurden 45 Schachbretter zu einer Suchmeldung.


