Im Kama Sutra erscheint gleichgeschlechtliche Erfahrung nicht als moderner politischer Slogan und auch nicht als skandalträchtige Schlagzeile. Die Zusammenfassung hinduistischer Quellen durch die HRC erklärt, der Text beschreibe sie als etwas, das „um seiner selbst willen ausgeübt und genossen“ werden könne — eine kleine Formulierung, die bereits jede allzu einfache Behauptung über hinduistische Tradition und Sexualität verkompliziert.[1]

Die Veden erwähnen ein „drittes Geschlecht“ und meinen damit Menschen, deren Sexualleben nicht auf Fortpflanzung ausgerichtet war, etwa aufgrund von Impotenz oder fehlender Begierde nach dem anderen Geschlecht. Die HRC weist darauf hin, dass Angehörige dieser Kategorie nicht ausgestoßen wurden und manchmal mit göttlichen Kräften oder besonderer Einsicht in Verbindung gebracht wurden.

Hinduistische heilige Texte, wie sie von der Human Rights Campaign zusammengefasst werden, ordnen Menschen nicht mit den modernen Etiketten „heterosexuell“ und „homosexuell“ ein. Sie treffen eine andere Unterscheidung: zwischen fortpflanzungsbezogenen sexuellen Handlungen innerhalb der Ehe und nicht fortpflanzungsbezogenen Handlungen, einschließlich Oralsex.[1] Der entscheidende Punkt ist also nicht einfach Identität. Es geht darum, ob Sexualität mit Fortpflanzung, religiöser Disziplin und sozialer Pflicht verbunden ist.

Dieses ältere Vokabular behandelte auch soziale Rollen nicht gleichmäßig. Die HRC merkt an, dass nicht fortpflanzungsbezogene sexuelle Handlungen ausdrücklich nicht für die Allgemeinheit als solche missbilligt werden, sondern für Brahmanen und Priester.[1] Eine Regel, die sich an religiöse Spezialisten richtet, ist nicht dasselbe wie eine allgemeingültige Landkarte der Sünde, auch wenn spätere Gemeinschaften Sexualität auf sehr unterschiedliche Weise ausgelegt haben.

Eine Kategorie außerhalb des üblichen Paars

Die Veden werden von der HRC als die maßgeblichen Leittexte des Hinduismus beschrieben, während die Bhagavad Gita zu seinen bekanntesten Texten zählt.[1] In dieser religiösen Landschaft erscheint die Kategorie, die die HRC als „drittes Geschlecht“ bezeichnet: grob definiert als Menschen, für die Sexualität nicht der Fortpflanzung dient, sei es wegen Impotenz oder weil ihnen die Begierde nach dem anderen Geschlecht fehlt.[1]

Der englische Ausdruck kann in die Irre führen, wenn man ihn als perfekte Übersetzung heutiger Identitäten versteht. Encyclopedia.com weist darauf hin, dass „third sex“ in der westlichen Sexualwissenschaft des späten 19. Jahrhunderts als Begriff für homosexuelle Männer und Lesben prominent wurde und dabei gleichgeschlechtliches Begehren oft mit geschlechtlicher Varianz vermischte.[3] Der Ausdruck trägt daher eine eigene spätere Geschichte mit sich, geprägt von europäischer Medizin und Klassifikation.

Kulturübergreifend ist die Vorstellung von mehr als zwei sozialen Kategorien jedoch nicht ungewöhnlich. Der Überblick von Princeton University Press zu Third Sex, Third Gender erklärt, dass viele moderne Diskussionen zwei Geschlechter auf Grundlage zweier biologischer Geschlechter voraussetzen, aber nicht alle Kulturen diese Annahme geteilt haben.[4] Zu den Beispielen zählen indische Hijras, die besondere soziale Rollen außerhalb eines einfachen männlich-weiblichen Modells einnahmen.[4]

Nicht einfach ausgestoßen

Die auffälligste Aussage der HRC ist nicht nur, dass die Veden ein drittes Geschlecht erwähnen. Es ist die Feststellung, dass Angehörige dieses dritten Geschlechts nicht geächtet wurden und manchmal als Menschen mit göttlichen Kräften oder Einsichten galten.[1] Das bedeutet nicht, dass jeder hinduistische Tempel, jeder Lehrer oder jede Familie dieselbe Haltung vertreten hätte. Die HRC betont, dass der Hinduismus keine zentrale Autorität besitzt; deshalb unterscheiden sich die Einstellungen gegenüber LGBTQ-Menschen je nach Tempel und Ashram.[1]

Der hinduistische Glaube verleiht dem Körper in der Zusammenfassung der HRC zudem einen anderen endgültigen Stellenwert, als es viele westliche religiöse Deutungsrahmen tun. Gottheiten können viele Formen annehmen, während alle im universalen Geist Brahman zusammenkommen.[1] Leben wird durch Geburt, Wiedergeburt und Moksha verstanden — die Befreiung des wahren Selbst von den Grenzen von Körper und Ego.[1]

Die Hindu American Foundation, von der HRC zitiert, zieht aus diesem spirituellen Rahmen eine soziale Schlussfolgerung: Der Hinduismus liefere keinen grundlegenden spirituellen Grund, LGBTQ-Personen zurückzuweisen oder auszugrenzen; sie sollten vielmehr als „Mitreisende auf dem Weg zu Moksha“ angenommen werden.[1]

Das Ergebnis ist keine aufgeräumte moderne Antwort. Die Überlieferung enthält priesterliche Zurückhaltung, Ideale der Fortpflanzung, gleichgeschlechtliche Lust und ein drittes Geschlecht, dessen Anderssein als spirituell aufgeladen verstanden werden konnte. In diesem älteren religiösen Vokabular konnte ein Mensch außerhalb des erwarteten ehelichen Musters dennoch in der Nähe des Heiligen stehen — nicht von der Seite getilgt, sondern als jemand markiert, der vielleicht anders sieht.

Quellen

  1. Human Rights Campaign, “Stances of Faiths on LGBTQ+ Issues: Hinduism”
  2. Encyclopedia.com, “Third Sex”
  3. Princeton University Press, Third Sex, Third Gender