Steht man lange genug in der Schlange im Supermarkt, taucht Nîmes wahrscheinlich irgendwann auf Kniehöhe auf: am Oberschenkel ausgeblichen, hinter dem Bein zerknittert, vielleicht am Saum ausgefranst. Auf dem Etikett wird die französische Stadt nicht erwähnt. Sie lebt in dem Wort weiter, das wir für den Stoff selbst benutzen.[1]
Denim hat seinen Namen von „serge de Nîmes“, also „Serge aus Nîmes“, nachdem Weber im französischen Nîmes im 17. Jahrhundert der Überlieferung nach einen robusten Baumwollstoff schufen, während sie versuchten, Serge zu kopieren. Händler verkürzten den Ortsnamen später zu „Denim“.
Ende des 17. Jahrhunderts versuchten Weber in Nîmes der traditionellen Darstellung zufolge, Serge nachzuweben, einen beliebten, strapazierfähigen Stoff.[1] Was von den Webstühlen kam, entsprach jedoch nicht dem Vorbild. Es war grob, fest und aus Baumwolle: genau die Art Material, die harter Beanspruchung standhalten konnte.[1]
Textilien wurden damals häufig nach den Orten benannt, an denen sie zuerst hergestellt wurden.[1] Der neue Stoff hieß „serge de Nîmes“, wörtlich „Serge aus Nîmes“.[1] Mit der Zeit, als der Stoff in den Handel gelangte, wurde die Herkunftsgeschichte sprachlich zusammengedrängt. Der überlieferten Darstellung zufolge verkürzten englische und französische Händler die Bezeichnung zu „Denim“.[1]
Das Wort Jeans kam von anderswo
In Genua stellten italienische Textilarbeiter einen anderen widerstandsfähigen Stoff her, diesmal aus indigogefärbter Wolle und Baumwolle.[1] Seeleute und andere Arbeiter schätzten ihn, und er wurde für Hosen, Mäntel und lange Kleider verwendet.[1] Diese Kleidungsstücke nannte man „blue jeans“.[1]
Das Wort „Jean“ geht in dieser Darstellung auf Genua zurück.[1] Damit steckt in einer ganz alltäglichen Redewendung eine kleine Überraschung. Denim und Jeans begannen als getrennte Wörter, die mit unterschiedlichen Stoffen verbunden waren: das eine mit Nîmes, das andere mit Genua.[1]
Im Amerika der Mitte des 19. Jahrhunderts war dieser Unterschied noch bedeutsam. Jean-Stoff wurde für Hosen und Mäntel genutzt und konnte einfarbig indigo, olivgrün oder braun sein.[1] Denim wurde aus weißem und indigoblauem Garn gewebt und für Arbeitskleidung verwendet, die extremen Bedingungen standhalten musste.[1] Bergleute, Mechaniker, Cowboys und Farmer brauchten Stoff, der nicht schnell zerfetzte.[1]
Vom Arbeitsstoff zur Alltagsuniform
1848 wanderte Levi Strauss aus Bayern in die Vereinigten Staaten aus und arbeitete mit seinen Brüdern in New York im Großhandel für Kurzwaren und Textilien.[1] Später zog er während des kalifornischen Goldrauschs nach San Francisco, wo Minenarbeiter robuste Hosen für den täglichen Gebrauch benötigten.[1] Der Stoff war dick, die Nähte waren kräftig, und die Kleidung war für Wochen und Monate der Nutzung gemacht.[1]
Die vertraute Verbindung von Denim und Jeans entstand aus dieser langen Wanderung von Stoff und Sprache. Eine missglückte Nachahmung in Nîmes gab einem Gewebe seinen Namen. Ein anderer Stoff aus Genua gab einem Kleidungsstück seinen Namen. Amerikanische Arbeitskleidung trug dazu bei, beides im alltäglichen Sprachgebrauch zu verschmelzen, bis der Unterschied außerhalb der Textilgeschichte weitgehend verschwand.[1]
Die alte Geografie steckt noch immer darin, verborgen in dem verkürzten Wort. Jedes Mal, wenn jemand „Denim“ sagt, benutzt er ein Überbleibsel von „de Nîmes“: einen Ortsnamen, glattgetragen wie die helle Falte auf der Vorderseite einer viel getragenen Jeans.[1]






