In der letzten Nacht des Jahres, wenn Feuerwerk und Lagerfeuer die Menschen nach draußen ziehen, verlangt ein älterer isländischer Brauch drinnen nach etwas Leiserem: ein Licht, das in der Dunkelheit weiterbrennt, und manchmal ein Teller mit Essen, der an einem abgeschiedenen Ort bereitgestellt wird, falls die verborgenen Leute vorbeikommen.[1]

In der isländischen Folklore gilt Silvester als eine der Nächte, in denen die Huldufólk, die „verborgenen Leute“, besonders aktiv sein sollen: Sie ziehen von Ort zu Ort und nehmen menschliche Gesten wie Lichter, Kerzen, Essen, Lieder und festliche Gastfreundschaft an.

Die Huldufólk stellt man sich gewöhnlich nicht als winzige Feen mit Flügeln vor. In der isländischen und färöischen Folklore bedeutet das Wort „verborgene Leute“: übernatürliche Wesen, die in der Natur leben, Menschen ähneln und eine Parallelwelt neben der gewöhnlichen bewohnen.[2] Manche Geschichten erzählen, dass sie sich sichtbar machen können, wenn sie es wollen.[2] Eine alte Beschreibung nennt sogar ein beinahe absurd kleines körperliches Erkennungsmerkmal: eine anders geformte Rinne unter der Nase, das Philtrum, das sie von gewöhnlichen Menschen unterscheidet.[2]

Diese Menschenähnlichkeit ist wichtig. Ein Brauch wie das Brennenlassen eines Lichts behandelt die Huldufólk nicht als Monster, die vertrieben werden müssen. Er behandelt sie eher wie unsichtbare Nachbarn. Der alte Silvesterglaube, wie er in der isländischen Volkstradition erhalten ist, besagt, dass Elfen und verborgene Leute in dieser Nacht mehr umherziehen als sonst; früher ließ man ein Licht brennen und stellte Essen auf einen Teller, falls sie vorbeikämen.[1] Die überlieferte Form der Tradition betont vor allem die Bewegung: An Silvester, so der Glaube, ziehen die Elfen an neue Orte, und Isländer lassen Kerzen brennen, damit sie ihren Weg finden.

Die Nächte, in denen die verborgenen Leute nahekommen

Die isländische Tradition schreibt den Huldufólk mehrere gefährliche oder verzauberte Daten im Kalender zu. Vier Feiertage werden besonders mit ihnen verbunden: Silvester, die Dreizehnte Nacht am 6. Januar, die Mittsommernacht und die Weihnachtsnacht.[2] Es sind Schwellennächte, in denen eine Jahreszeit, ein Jahr oder eine heilige Zeit in die nächste übergeht, und in der Folklore rückt an solchen Schwellen die unsichtbare Welt oft näher heran.

Weihnachtsbräuche rund um die verborgenen Leute konnten ganz praktisch und häuslich sein. Vor Weihnachten wurde das Haus gereinigt, und für die Huldufólk ließ man Essen zurück.[2] Einige isländische Volkserzählungen berichten von Elfen und verborgenen Leuten, die an Weihnachten in Bauernhäuser eindringen und wilde Feste feiern.[2] Bis zum 6. Januar konnte die festliche Stimmung dann nach draußen wandern. Elfenfeuer, álfabrennur genannt, sind ein verbreiteter Teil der Feiern zur Zwölften beziehungsweise Dreizehnten Nacht.[2]

Silvester bringt seine eigene Dramaturgie mit. Rund um die Feuer singen Isländer Lieder, die mit den verborgenen Leuten verbunden sind, darunter das traditionelle Volkslied „Ólafur Liljurós“.[1] Diese Szene ist gesellig, öffentlich und laut. Das Licht, das zu Hause brennt, ist privat und klein. Das eine gehört der Menge. Das andere gehört dem, der vielleicht ungesehen durch die Nacht zieht.

Die Prüfung an der Wegkreuzung

Dieselben Feiertagsgeschichten enthalten auch eine deutlichere Warnung. Ein Silvesterglaube besagt, dass sich verborgene Leute um einen Menschen versammeln, wenn dieser an einer Wegkreuzung steht, genauer gesagt an einem Ort, von dem aus vier Kirchen gleichzeitig zu sehen sind, und ihm Essen, Schmuck und Kostbarkeiten anbieten.[1] Die Regel lautet: nichts annehmen. Wenn die Person bis zum Morgen standhält und sagt: „Gott sei Dank, es ist Morgen“, verschwinden die verborgenen Leute, und die Wertsachen bleiben zurück. Nimmt die Person jedoch zu früh etwas an, so heißt es in der Geschichte, werde sie wahnsinnig.[1]

Auch zur Mittsommernacht gibt es eine verwandte Kreuzungstradition. Der Folklore zufolge nähern sich Elfen, wenn man dann an einer Wegkreuzung sitzt, und versuchen, einen mit Essen und Geschenken zu verführen; doch wer die Geschenke annimmt, muss mit Folgen rechnen.[2] Das Muster ist aus dem Volksglauben des Nordens vertraut: Die andere Welt ist großzügig, aber ihre Großzügigkeit hat Zähne.

Sogar gewöhnliche Steine konnten Teil dieser Etikette werden. Manche isländischen Erzählungen warnen davor, Steine zu werfen, weil ein Stein die verborgenen Leute treffen könnte.[2] Auch moderne Reiseberichte über Island bemerken noch, wie Felsen, Findlinge und Lavafelder als bewohnte Orte beschrieben werden können, nicht als leere Landschaft.[3] Ein Reiseleiter an Islands Südküste zeigte auf eine Gruppe von drei großen Felsbrocken und sagte zu Reisenden: „Dort drüben leben die Elfen.“ Dann erklärte er, dass die meisten Besucher sie nicht sehen könnten, weil sie Huldufólk seien, verborgene Leute.[3]

Die Neujahrskerze ist also nicht bloß ein malerischer Aberglaube. Sie gehört zu einer größeren Etikette des Zusammenlebens: das Haus reinigen, Essen zurücklassen, das Geschenk nicht zu früh ergreifen, nicht achtlos Steine werfen und in der Nacht, in der das Jahr sich wendet, ein kleines Licht für jene brennen lassen, die durch die Dunkelheit ziehen.

Quellen

  1. Tinna Adventure, “Elves on New Years Eve”
  2. Wikipedia, “Huldufólk”
  3. Natural Habitat Adventures, “Meet Iceland’s Magical Creatures”