Im Jahr 2016 entdeckte ein pensionierter Wissenschaftler eine Gartenschnecke, die nicht dem üblichen Bauplan einer Gartenschnecke entsprach. Ihr Gehäuse wand sich nach links statt nach rechts. Auch ihre Fortpflanzungsorgane waren spiegelverkehrt angelegt, was bedeutete, dass ein gewöhnlicher rechtsgewundener Partner kaum passte. Die Schnecke erhielt den Namen Jeremy, und Forschende der University of Nottingham baten die Öffentlichkeit, nach weiteren linksgewundenen Schnecken Ausschau zu halten.[5]

Die meisten gewundenen Schneckenhäuser sind dextral: Hält man das Gehäuse mit der Spitze nach oben und der Öffnung zu sich, liegt die Öffnung rechts. Ein links geöffnetes Gehäuse bei einer normalerweise rechtsgewundenen Art ist eine seltene sinistrale Form – manchmal bei Sammlern begehrt und für die lebende Schnecke ziemlich unpraktisch.

Halten Sie ein Spiralgehäuse aufrecht, mit der Spitze nach oben und der Öffnung zu Ihnen. Liegt die Mündung rechts, ist das Gehäuse dextral. Liegt sie links, ist es sinistral.[3] Der ganze Test passt in eine Hand. Kein Mikroskop, kein Bestimmungsbuch – nur die Richtung einer kleinen Tür in einem Stück Calciumcarbonat.

Die meisten vertrauten Schneckenhäuser öffnen sich nach rechts. FactRepublic formuliert die alte Sammlerregel ganz schlicht: Fast alle Schalen öffnen sich nach rechts, abgesehen von einigen wenigen Schneckenarten, deren Gehäuse normalerweise nach links geöffnet ist; und ein links geöffnetes Gehäuse einer normalerweise rechtsgewundenen Art kann selten und sehr begehrt sein.[2] Entscheidend ist die Unterscheidung von Art zu Art. Ein linksgewundenes Gehäuse ist nicht automatisch ungewöhnlich. Die Lightning Whelk zum Beispiel ist normalerweise sinistral – ihre links geöffnete Schale ist also schlicht der Standardbauplan dieser Art.[3]

Das eigentlich Kuriose ist ein linksgewundenes Individuum in einer normalerweise rechtsgewundenen Linie. Für Sammler kann es aussehen, als hielte man das vertraute Gehäuse vor einen Spiegel. Für die Schnecke kann die Umkehrung jedoch weit mehr bedeuten als einen optischen Trick. Atypische linksgewundene Schnecken können spiegelverkehrte Geschlechtsorgane haben, was eine erfolgreiche Paarung mit normalen dextralen Partnern verhindern kann.[3]

Das Problem, Jeremy zu sein

Jeremy wurde berühmt, weil seine Seltenheit ein ganz praktisches Problem schuf. Eine linksgewundene Gartenschnecke konnte sich nicht ohne Weiteres mit den gewöhnlichen rechtsgewundenen Schnecken in ihrer Umgebung paaren. Deshalb starteten die Forschenden in Nottingham einen öffentlichen Aufruf, um weitere „Linkshänder“ zu finden.[5] Einige wurden tatsächlich entdeckt und eingeschickt. Jeremy bekam schließlich Nachwuchs – doch alle Jungtiere waren rechtsgewunden.[5]

Dieses Ergebnis ließ das Gehäuse weniger wie ein einfaches Familienmerkmal erscheinen und eher wie einen Hinweis auf Entwicklungsprozesse. Die Zusammenfassung von The Generalist Academy nennt eine mögliche Erklärung: den sogenannten maternalen Effekt. Demnach könnte die Windungsrichtung nicht nur von den Genen der Schnecke selbst abhängen, sondern auch von Genen, die bei ihrer Mutter aktiv sind.[5] In dieser Deutung trägt die Jungschnecke eine bestimmte Erbanlage, während die Richtung ihres Gehäuses etwas festhält, das bereits eine Generation zuvor entschieden wurde.

Forschende haben die „Händigkeit“ von Schneckenhäusern auch bei anderen Schnecken untersucht. Am Bailey-Matthews National Shell Museum beschrieb José H. Leal Arbeiten der japanischen Forschenden Masanori Abe und Reiko Usuda an der Süßwasserschnecke Lymnaea stagnalis. Mithilfe von Gen-Editing-Technologien lösten sie Mutationen in normalerweise dextralen Schnecken aus und veränderten die Windungsrichtung ihrer Nachkommen.[3] Die Links-oder-rechts-Drehung des Gehäuses ist also nicht bloß Schmuck. Sie hängt mit dem frühen Körperbauplan des Tieres zusammen.

Wie man die seltene Variante erkennt

Die Methode für Strand- und Schalensammler bleibt wunderbar einfach. Legen Sie das Gehäuse in Ihre Handfläche. Richten Sie die Spitze nach oben. Drehen Sie die Öffnung zu Ihrem Gesicht. Rechte Seite: dextral. Linke Seite: sinistral.[3] Dann folgt die zweite Frage – diejenige, die entscheidet, ob die Schale gewöhnlich oder bemerkenswert ist: Ist diese Art normalerweise rechts- oder linksgewunden?

Das Museum nennt ein anschauliches Beispiel aus seiner Sammlung: Eine große und sehr seltene sinistrale Junonia wurde einst neben einer großen dextralen Junonia derselben Art gezeigt.[3] Die beiden Gehäuse hatten dieselbe allgemeine Form, doch ihre Öffnungen zeigten in entgegengesetzte Richtungen. Das eine entsprach dem normalen Bauplan. Das andere war die vertraute Schale – nur umgekehrt.

Darum kann eine kleine linksseitige Öffnung einen Sammler mitten im Sortieren innehalten lassen. Die meisten Gehäuse fallen beim Aufrichten in die erwartete Position, mit der Mündung rechts. Hin und wieder aber erscheint die Öffnung links – und die Schale in der Hand wird zu einem kleinen Zeugnis dafür, dass die Biologie auch einmal die andere Richtung einschlägt.

Quellen

  1. Gastropod shell, Wikipedia
  2. Snail shells, FactRepublic
  3. “We’re Right-handed or Left-handed…”, Bailey-Matthews National Shell Museum
  4. How can you tell the difference between dextral or sinistral chirality?, My Bubba and Me
  5. Left snail, The Generalist Academy