Im Naturhistorischen Museum in Wien sieht das Objekt nicht wie ein Familienporträt aus. Es wirkt eher wie eine dunkle, abgeflachte Rosette, in Stein gepresst: eine der Gabun-Strukturen, die einen Namen erhalten haben, groß genug für ein verschwundenes Volk: Gabonionta.[1][3]
Die Franceville-Biota sind 2,1 Milliarden Jahre alte makroskopische Strukturen aus Gabun, die möglicherweise ein frühes Experiment vielzelligen Lebens dokumentieren. Sie sind wichtig, weil sie sehr viel älter erscheinen als die meisten bekannten komplexen Fossilien. Ob es sich überhaupt um echte Fossilien handelt, ist jedoch umstritten.
Die Exemplare stammen aus der Francevillian B Formation in Gabun, einer paläoproterozoischen Schwarzschiefer-Provinz, die dafür bekannt ist, uralte Strukturen ohne deutliche metamorphe Überprägung zu bewahren.[1] Ein internationales Team unter der Leitung von Abderrazak El Albani von der Universität Poitiers machte sie weithin bekannt – als möglichen Hinweis auf großes, organisiertes Leben in einer Welt, die man sich sonst meist von Mikroben beherrscht vorstellt.[1]
Vor allem ihr Alter lässt Menschen aufhorchen. Die Gabonionta sind etwa 2,1 Milliarden Jahre alt.[1] Guinness World Records führt sie, zusammen mit dem spiralförmigen Fossil Grypania cf. spiralis, als Kandidaten für die ältesten makroskopischen Organismen – also Lebensformen, die mit bloßem Auge sichtbar sind.[4] Beide werden dort als Meeresbewohner aus den proterozoischen Ozeanen der Erde beschrieben.[4]
Ein Fossil, das fast zu früh wirkt
Einige der beschriebenen Franceville-Strukturen sind keine winzigen Punkte unter dem Mikroskop. Manche Exemplare erreichen einen Durchmesser von bis zu 17 Zentimetern.[1] Beschrieben wurden abgeflachte Scheiben, runde und längliche Formen, zentrale Körper mit radial angeordneten Strukturen am Rand sowie Exemplare, die von einigen Forschern als dreidimensional erhalten und als Hinweis auf koordiniertes Wachstum gedeutet werden.[1]
Spätere Arbeiten von El Albani und Kollegen beschrieben weitere Formen, darunter gewundene Röhren und „Perlenketten“-Strukturen, die in einer blütenartigen Form enden.[1] Die Fossilien – falls es denn Fossilien sind – wurden keiner formalen taxonomischen Gruppe zugeordnet, doch „Gabonionta“ hat sich als praktischer informeller Name eingebürgert.[1]
Genau diese Unsicherheit steht im Zentrum der Geschichte. Wenn die Strukturen biologischen Ursprungs sind, könnte komplexes Leben mehr als eine Milliarde Jahre vor den Ediacara- und Kambrium-Fossilien, die unsere Vorstellungen von großem Leben auf der Erde meist prägen, einen frühen Anlauf genommen haben. Eine verbreitete Deutung verbindet ihr Auftreten mit einem kurzen sauerstoffreichen Zeitfenster und ihr Verschwinden mit dem anschließenden Absinken der Sauerstoffwerte. Doch diese Version setzt voraus, dass man die Strukturen überhaupt als Organismen akzeptiert.[5]
Das Argument im Stein
Uralte Gesteine können Formen hervorbringen, die erstaunlich überzeugend aussehen. Selbst in grundlegenden Zusammenfassungen des Forschungsstands werden die Franceville-Biota vorsichtig beschrieben: Es werde „kontrovers vorgeschlagen“, dass es sich um Fossilien handle, und ihr Status sei infrage gestellt worden.[1] Günter Bechly bezeichnet die Gabonionta in einem Update von 2024 ebenfalls als Ansammlung angeblicher präkambrischer Makrofossilien mit zweifelhaftem Status, verweist aber zugleich auf die merkwürdigen, dreidimensional erhaltenen radialen Strukturen, die aus proterozoischen Gesteinen gemeldet wurden.[2]
Die Vergleiche entscheiden die Frage nicht. Die „Perlenketten“-Formen wurden mit dictyosteliden Schleimpilzen verglichen – amöbenartigen Organismen, die vielzellige Verbände bilden können. Doch Dictyosteliden sind keine Meeresorganismen, daher kann die Übereinstimmung nicht einfach sein.[1] Andere Vergleiche verweisen auf spätere Fossilien wie Nemiana und Beltanelloides, doch Ähnlichkeit ist noch kein Stammbaum.[1]
Was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist enger gefasst – und seltsamer. Vor rund 2,1 Milliarden Jahren wurden im heutigen Gabun große, gemusterte Strukturen in marinem Schiefer erhalten.[1] Einige Forscher lesen sie als Hinweise auf frühes makroskopisches, möglicherweise vielzelliges Leben.[1] Kritiker lesen dieselben Formen als Warnung davor, wie leicht Geologie Biologie nachahmen kann.[2]
Wenn sie lebten, gehörten sie zu einem Experiment ohne bestätigte lebende Erben. Wenn sie nicht lebten, wurden sie dennoch wichtig, weil sie einer Möglichkeit so verblüffend ähnlich sehen. Das Objekt in der Vitrine bleibt eine dunkle Scheibe in uraltem Schiefer: älter als Tiere, älter als Pflanzen, wartend zwischen Körper und Zufall.
Quellen
- Francevillian biota - Wikipedia
- Fossil Friday: Update on the Dubious Nature of the Precambrian Gabonionta - Science and Culture Today
- Experiment Life - The Gabonionta - Natural History Museum Vienna
- Oldest macroscopic organism - Guinness World Records
- Gabonionta: Probably just pseudofossils - Nehaveigur



