In Psycho gibt es Morde. Es gibt gestohlenes Geld. Es gibt Voyeurismus, Tierpräparation und einen der berühmtesten Schreie der Filmgeschichte. Und doch war eines der Details, das die Zensoren tatsächlich beunruhigte, eine Toilette.[1]

Nicht das Badezimmer selbst. Nicht die sexuelle Andeutung. Nicht einmal die Gewalt, die heute die meisten mit dem Film verbinden. Das Problem war, dass Alfred Hitchcock auf der Leinwand eine gespülte Toilette zeigte, in der zerrissene Notizzettel sichtbar im Wasser herumwirbelten. Im amerikanischen Mainstream-Kino und Fernsehen tat man so etwas schlicht nicht.[1]

Das klingt zunächst fast lächerlich, bis man sich daran erinnert, worum es bei Zensur gewöhnlich geht. Es geht nicht nur um Obszönität. Es geht um Grenzen. Und 1960 gehörte zu den Grenzen, die amerikanische Bildschirme noch immer zu bewahren versuchten, die Fiktion, dass Körper bedroht, verfolgt, entkleidet und ermordet werden konnten, aber niemals bei etwas so Alltäglichem und Körperlichem wie der Benutzung einer Toilette zu sehen sein durften.

Das skandalöseste Ding im Badezimmer

Psycho kam wie ein Bruch daher. Hitchcock drehte den Film in Schwarzweiß, mit vergleichsweise kleinem Budget und mit Crewmitgliedern aus seiner Fernsehserie, und schuf ein Werk, das härter, seltsamer und intimer wirkte als die geschniegelt-glatten Suspense-Filme, die das Publikum von ihm erwartete.[1] Die Geschichte beginnt mit Marion Crane, gespielt von Janet Leigh, die Geld stiehlt und aus der Stadt flieht, nur um schließlich im Bates Motel zu landen, wo sie Norman Bates begegnet, dem schüchternen jungen Besitzer, dessen Innenleben weit gefährlicher ist, als es zunächst scheint.[1]

Doch bevor Psycho zu dem Film wird, an den sich alle erinnern, ist er ein Film über kleine Akte des Verbergens. Eine gefaltete Zeitung. Ein Umschlag mit gestohlenem Geld. Eine Frau, die allein in einem Zimmer fieberhaft nachdenkt. Genau dort tritt die Toilette in die Geschichte.

Marion zerreißt eine Notiz und spült die Schnipsel weg.[1] Es ist eine winzige Handlung. Für die Handlung des Films fast nichts. Symbolisch aber alles. Sie versucht, eine Spur von sich zu löschen. Und Hitchcock, mit seinem beinahe schelmischen Instinkt dafür, wo genau die gesellschaftlichen Nerven verlaufen, besteht darauf, den ganzen Vorgang zu zeigen. Die Toilette ist sichtbar. Das Papier ist sichtbar. Die Spülung ist sichtbar.[1]

Berichten rund um den Film zufolge war das das erste Mal, dass in amerikanischem Mainstream-Kino und Fernsehen eine gespülte Toilette zu sehen war.[1] Man muss sich das kurz klarmachen. Hollywood hatte jahrzehntelang Traumwelten, Gangsterwelten, Westernstädte, Salons, Schlafzimmer und Tatorte erfunden, und doch blieb eines der gewöhnlichsten Dinge des modernen Lebens faktisch tabu.

Warum eine Spülung wichtig war

Der Grund, warum dieses Detail so wichtig war, liegt darin, dass alte Bildschirmtabus selten logisch waren. Sie waren atmosphärisch. Sie regelten Tonfall, Andeutung und die Art von Realität, die das Publikum überhaupt anerkennen durfte. Toiletten gehörten in die Kategorie der Dinge, von deren Existenz jeder wusste, die aber kein respektabler Film zugeben wollte.

Damit war Hitchcocks Entscheidung mehr als nur ein Scherz. Sie war Teil der größeren Strategie von Psycho. Der Film zieht die Zuschauer immer wieder in Räume hinein, die amerikanische Filme zuvor ordentlich und versiegelt gehalten hatten. Ein billiges Motelzimmer. Die privaten, nervösen Überlegungen einer Frau. Ein Badezimmer, das sich wie ein echtes Badezimmer verhält.

Diese Realistik ist wichtig, weil Psycho vom Zusammenbruch der Distanz lebt. Frühere Hollywood-Thriller bewahrten oft eine gewisse Eleganz, selbst wenn es um Gefahr ging. Psycho rückt näher. Näher an Schweiß, näher an Schuld, näher an Geld, das offen vor aller Augen versteckt ist, näher an einen Körper unter der Dusche, ja sogar näher an das zerrissene Papier, das in der Toilettenschüssel kreist. Es ist ein Film, der beharrlich darauf besteht, dass die schmutzigen Details zählen.[1]

Der Film, der immer wieder Grenzen überschritt

Die Toilette ist nur ein Beispiel dafür, wie aggressiv Psycho gegen das verstieß, was das amerikanische Mainstream-Kino als akzeptabel ansah. Hitchcock vermarktete den Film mit ungewöhnlicher Geheimhaltung, verweigerte verspäteten Besuchern den Einlass, sobald die Vorführungen begonnen hatten, und schuf eine Atmosphäre, in der das Publikum nicht einfach nur einen Thriller sah, sondern zugleich gelenkt, manipuliert und überrumpelt wurde.[1]

Und der Film belohnte diese Strategie, indem er eine Erwartung nach der anderen brach. Seine scheinbare Hauptfigur verschwindet schockierend früh. Seine Gewalt ist eher fragmentiert als explizit, wirkt aber gerade deshalb brutaler. Seine Sexualität ist nicht grafisch, aber unübersehbar präsent. Und das zentrale Haus ragt über dem Motel auf wie ein Geist, der seit Jahren nicht gereinigt worden ist.[1]

In diesem Zusammenhang passt die gespülte Toilette perfekt. Sie ist eine weitere kleine, aber entscheidende Botschaft Hitchcocks: Dieser Film wird dein Wohlbefinden nicht dadurch bewahren, dass er den alten Regeln des geschmackvollen Auslassens folgt.

Eine neue Art amerikanischen Horrors

Ein Teil dessen, was Psycho 1960 so schockierend machte, war nicht nur die berühmte Duschszene. Es war das kumulative Gefühl, dass der Film den Horror nach drinnen geholt hatte. Nicht in Schlösser, Labore oder exotische gotische Landschaften, sondern in die Räume des modernen amerikanischen Lebens: Motelbüros, Zimmer am Straßenrand, Badezimmer, alltägliche Gespräche.[1]

Die Toilette gehört genau zu diesem Wandel. Sie ist ein banaler Gegenstand, fast trotzig unfilmisch, und genau deshalb funktioniert sie. Sobald ein Film bereit ist, das Banale aufzunehmen, wird die ganze Welt der Geschichte weniger stilisiert und gefährlicher. Ein Mensch kann in einem echten Badezimmer, an einem echten Ort, sterben, nachdem er etwas so Alltägliches getan hat wie eine Notiz zu zerreißen und sie wegzuspülen.

Das ist einer von Hitchcocks großen Tricks in Psycho. Er zeigt den Horror nicht einfach nur. Er senkt ihn in den Alltag hinab, bis der Alltag selbst kontaminiert zu wirken beginnt.

Die Zensoren sahen den Riss in der Wand

Die Zensoren verstanden, wenn auch vielleicht nur instinktiv, dass solche Details wichtig sein konnten. Eine gespülte Toilette mag neben Mord belanglos erscheinen, doch sie signalisierte eine umfassendere Erosion der alten Leinwandanständigkeit. Wenn ein Filmemacher das zeigen konnte, was würde dann als Nächstes kommen? Welche anderen Dinge, die man zuvor nicht zeigen konnte, würden plötzlich sichtbar werden?

Und genau das geschah. Psycho wurde zu einem der großen Wendepunkte des amerikanischen Films, zu einem sensationellen Erfolg, der den Horror neu definierte und die alte Grammatik dessen lockerte, was Filme aus der Studioära überhaupt zeigen durften.[1] Der Film wurde gefeiert, kontrovers diskutiert, war profitabel und enorm einflussreich.[1]

Die Toilette war also nicht das Wichtigste an Psycho. Aber sie war die Art von Detail, an dem sichtbar wird, warum der Film wichtig war. Sie markiert den Punkt, an dem Hitchcock die Leinwand nicht länger als polierte Oberfläche behandelte, sondern als einen Ort, an dem Unordnung, Angst, körperliche Wirklichkeit und gesellschaftliches Tabu zugleich erscheinen konnten.

Die Spülung, die einen Wandel ankündigte

Es ist fast schon perfekt, dass dieser grenzüberschreitende Moment zerrissenes Papier zeigte, das im Abfluss verschwand. Eine Frau versucht, Beweise zu beseitigen. Ein Regisseur beseitigt leise eine Konvention. Das Publikum sieht beides in derselben Einstellung geschehen.

Deshalb bleibt dieser Moment haften. Nicht weil eine Toilette von sich aus dramatisch wäre, sondern weil sie 1960 ein winziger Akt filmischer Rebellion war, verborgen in einer viel größeren Rebellion. Psycho erschreckte das Publikum nicht nur. Der Film veränderte, was ein amerikanischer Mainstream-Film ihnen überhaupt zeigen konnte.[1]

Und eines der ersten Zeichen dieses Wandels war eine Spülung.

Quellen

1. Wikipedia - Psycho (1960 film)