Auf einem Gehweg in Manhattan war Dan Rather 1986 weder einem Präsidenten noch einem Krieg noch einer Prügelei auf dem Parteitagsboden auf der Spur. Er wurde schlicht von einem Mann angegriffen, der immer wieder eine Frage stellte, die klang wie eine gestörte Radiodurchsage: „Kenneth, what is the frequency?“[1]

R.E.M.s „What’s the Frequency, Kenneth?“ übernahm seinen Titel von dem seltsamen Satz, der während des Überfalls auf den CBS-Nachrichtensprecher Dan Rather gerufen wurde. Später bekam die Zeile eine düsterere Bedeutung, als der Angreifer mit einem gewaltsamen Vorfall bei NBC in Verbindung gebracht wurde, bei dem Wahnvorstellungen über Sendesignale eine Rolle spielten.

Rather hatte schon zuvor ein öffentliches Leben voller bizarrer Fernsehmomente geführt. Während der Live-Berichterstattung vom Parteitag der Demokraten 1968 versuchte er, einen Delegierten aus Georgia zu befragen, der offenbar von Männern ohne Ausweise vom Saalboden gedrängt wurde. Einer der Männer schlug ihm in den Bauch und brachte ihn zu Fall, während CBS-Kameras die Szene einfingen. Walter Cronkite, der mitbekam, was passiert war, sagte live zu den Zuschauern: „Ich glaube, wir haben hier einen Haufen Schläger, Dan.“[1]

Dieser Schlag auf dem Parteitag gehörte, so hässlich er auch war, zu einem sichtbaren öffentlichen Zusammenstoß. Chicago 1968 war hochexplosiv. Reporter standen auf dem Saalboden. Politiker waren im Gebäude. Draußen waren Polizei und Demonstranten. Die Kamera konnte zumindest die Maschinerie rund um den Schlag zeigen.

Der Kenneth-Angriff hatte keinen solchen Rahmen. Der Satz hatte keinen erkennbaren Kontext, keine klare Forderung und keinen öffentlichen Streit, zu dem er gehörte. Rather war ein berühmter Nachrichtensprecher, was bedeutete, dass Millionen Menschen sein Gesicht kannten. Doch die Frage klang, als käme sie aus einem privaten Wettersystem: eine Frequenz, ein Kenneth, eine Tracht Prügel.

Jahre später stellte R.E.M. die Zeile an den Anfang eines Rocksongs. „What’s the Frequency, Kenneth?“ erschien 1994 als erste Single des neunten Albums der Band, Monster, geschrieben von Bill Berry, Peter Buck, Mike Mills und Michael Stipe und produziert von R.E.M. gemeinsam mit Scott Litt.[2] Die Platte markierte eine härtere Wendung im Klang der Band: Verzerrte Gitarren ersetzten viel von jener Mandolinen- und Streicheratmosphäre, die man mit ihren Arbeiten der frühen 1990er verband.[6]

Der Text erzählt den Überfall nicht wie ein Polizeibericht nach. Er nutzt den Satz als Einstieg in Verwirrung. Der Erzähler gibt immer wieder zu: „I never understood the frequency“, und sagt, er habe „Cartoons, Radio, Musik, TV, Filme, Magazine“ studiert, als sei die Kultur selbst ein Signal, auf das er sich nicht einstellen könne.[5]

Die Frage wurde zum Hinweis

Die Worte blieben im öffentlichen Gedächtnis, gerade weil sie so eigenartig waren. Ein zufälliger Angriff kann in einer Akte verschwinden. „Kenneth, what is the frequency?“ verhält sich anders. Der Satz setzt sich im Ohr fest und verlangt danach, entschlüsselt zu werden.

Später wurde der Fall mit William Tager in Verbindung gebracht, der nach einem anderen gewaltsamen Vorfall in den NBC-Studios mit dem Angriff verknüpft wurde. Tager war Berichten zufolge dorthin gegangen, um die Frequenz zu finden, von der er glaubte, sie werde benutzt, um Signale in sein Gehirn zu strahlen.[1] Die Rather zugerufene Frage hatte plötzlich eine düstere innere Logik. Die Worte waren nicht bloß Pop-Surrealismus. Sie gehörten zu einem Wahn, der sich um das Senden selbst drehte.

R.E.M. zog den Satz in die Sprache des Rocks der 1990er, wo er kryptisch, stilvoll und in seiner Seltsamkeit fast komisch klang. Doch dahinter standen ein echter Mann auf einem Gehweg, ein echter Angriff und später ein echter Gewaltakt in einem Fernsehgebäude.[1]

Im Musikvideo treten Michael Stipe und die Band in schräg gesetzten Bildausschnitten auf; Köpfe sind teilweise abgeschnitten, und die üblichen Regeln der Rockstar-Inszenierung werden vom Offensichtlichen weggebogen.[3][6] Der Look passt zur unbehaglichen Stimmung des Songs: eine Kultur, die versucht, sich selbst zu beobachten, und dabei irgendwie das Gesicht im Bild verfehlt.

Rather überlebte den Angriff. Der Satz überlebte in anderer Form, gepresst auf eine Major-Label-Single und von Menschenmengen mitgesungen, die den Gehweg, auf dem alles begann, vielleicht nie kannten. Irgendwo zwischen einem Nachrichtensprecher, einem Wahn über Fernsehwellen und einem verzerrten Gitarrenriff wurde „Kenneth“ zu einem Pop-Artefakt mit einem blauen Fleck darunter.

Quellen

  1. Dan Rather, Wikipedia
  2. “What’s the Frequency, Kenneth?”, Wikipedia
  3. R.E.M. - “What’s The Frequency, Kenneth?” Official HD Music Video, YouTube
  4. “What’s The Frequency, Kenneth?”, YouTube
  5. R.E.M. “What’s the Frequency, Kenneth?” lyrics, SongLyrics
  6. R.E.M. “What’s the Frequency, Kenneth?” lyrics and song notes, Genius