Am Set von Wolf Totem musste ein Kommando eine seltsame kleine Grenze überqueren. Der Film war chinesisch und französisch, die Geschichte spielte im Grasland der Inneren Mongolei, und im Mittelpunkt standen mongolische Wölfe. Wenn die Wölfe sich setzen, knurren oder kämpfen sollten, waren die Wörter, die sie gelernt hatten, Englisch.[1]
Für den Film Wolf Totem aus dem Jahr 2015 setzte Regisseur Jean-Jacques Annaud echte mongolische Wölfe statt Hunde ein; die Tiere wurden jahrelang von Andrew Simpson trainiert. Nach den Dreharbeiten wurden die Wölfe nach Kanada gebracht, weil ihre Arbeitskommandos auf Englisch waren.
Jiang Rongs Roman von 2004 beginnt mit einem jungen Studenten aus Peking, der während der Kulturrevolution in die Innere Mongolei geschickt wird und dort in die Welt der Steppe und ihrer Wölfe hineingezogen wird.[2] Die Wölfe des Buches waren keine bloße Kulisse. Sie waren Gefahr, Disziplin, Geheimnis und ökologische Kraft zugleich: Geschöpfe, die die menschlichen Figuren fürchteten, erforschten, jagten und bewunderten.
Das machte die Filmversion ungewöhnlich schwer umzusetzen. Die Beijing Forbidden City Film Corporation suchte zunächst nach einem chinesischen Regisseur, doch Dreharbeiten mit Menschen und echten Wölfen galten als zu schwierig.[1] Peter Jackson wurde ebenfalls angefragt, doch mit ihm kam die Produktion nicht zustande.[1] Schließlich ging der Auftrag an den französischen Regisseur Jean-Jacques Annaud, dessen Film Sieben Jahre in Tibet in China verboten worden war. Sein persönliches Einreiseverbot wurde aufgehoben, bevor er für Wolf Totem engagiert wurde.[1]
Annaud wollte keine Hunde, die Wölfe spielten. Er hatte bereits bei Filmen wie Der Bär und Zwei Brüder mit Tieren gearbeitet und sagte, das Kino habe sich lange darauf verlassen, Hunde als Ersatz für Wölfe einzusetzen.[1] Für diese Geschichte war dieser Unterschied entscheidend. Der Film brauchte die Haltung, die Bewegung und die jagende Präsenz des echten Tieres.[1]
Vier Jahre für ein paar Sekunden Wildnis
Das Produktionsteam besuchte Zoos in ganz China auf der Suche nach Wolfswelpen.[1] Annaud beschaffte Welpen in China, und Andrew Simpson, ein in Kanada ansässiger Tiertrainer, bildete sie über mehrere Jahre aus.[1] Eine Produktionsnotiz ist dem Film besonders haften geblieben: 35 mongolische Wölfe wurden in China mehr als vier Jahre lang trainiert und lernten dabei Aktionen wie Sitzen, Knurren und Kämpfen auf Kommando.
Das Kinopublikum sollte Instinkt sehen. Die Crew brauchte Routine. Ein Wolf, der scheinbar plötzlich in eine Szene hineinbrach, war abseits der Kamera durch Wiederholung, Begrenzung, Belohnung und Vertrauen geformt worden. Ein Knurren, das wie Wildnis aussah, konnte zugleich die Antwort auf eine vertraute menschliche Stimme sein.
Auch der Rest der Produktion war in ähnlicher Größenordnung angelegt. Wolf Totem war eine chinesisch-französische Koproduktion mit einem gemeldeten Budget von 38 Millionen US-Dollar und wurde mehr als ein Jahr lang in der Inneren Mongolei gedreht.[1] In China kam der Film am 19. Februar 2015 in die Kinos, in Frankreich am 25. Februar 2015.[1] Weltweit spielte er später rund 125,7 Millionen US-Dollar ein.[1]
Die Wölfe nach dem Film
Als die Dreharbeiten beendet waren, ließen sich die Tiere nicht einfach wie Sättel oder Kameras verstauen. Sie waren für ein sehr bestimmtes Arbeitsleben aufgezogen und trainiert worden, und die Sprache dieses Lebens spielte eine Rolle. Weil die Wölfe englische Kommandos verstanden, wurden sie nach den Dreharbeiten schließlich nach Kanada umgesiedelt, statt in einer chinesischsprachigen Arbeitsumgebung zu bleiben.[1]
Das seltsame Nachleben von Wolf Totem liegt außerhalb des fertigen Filmbildes. Der Film bemühte sich sehr, seine Wölfe wirken zu lassen, als seien sie von menschlicher Anleitung unberührt. Doch die Tiere trugen diese Anleitung über Kontinente hinweg mit sich. Jenseits von Filmplakat und Einspielergebnissen lebte ein Rudel mongolischer Wölfe in einem neuen Land, das noch immer auf englische Wörter reagierte.






