An einem Oktobermorgen im Jahr 2008 konnte ein Händler auf seinem Bildschirm etwas sehen, das wie aus dem falschen Universum wirkte: Volkswagen, ein hoch verschuldeter Autobauer in einem zusammenbrechenden Automarkt, war kurzzeitig mehr wert als Exxon Mobil.[1]
Volkswagen wurde während der Finanzkrise 2008 kurzzeitig zum wertvollsten Unternehmen der Welt, weil Leerverkäufer in einen extremen Short Squeeze gerieten. Die Aktie schoss in die Höhe, obwohl Anleger den Autobauer als ernsthaften Insolvenzfall betrachteten.
Im Oktober 2008 lag der naheliegende Trade darin, auf fallende Kurse schwacher Unternehmen zu setzen. Mox Reports beschreibt Volkswagen als hoch verschuldet, schon vor der Krise angeschlagen und mit einem Automarkt konfrontiert, in dem die Nachfrage voraussichtlich stark einbrechen würde.[1] Der Aktienkurs war jedoch nach mehreren Quartalen mit etwas besseren Ergebnissen als erwartet hoch geblieben, was das Unternehmen für Händler, die auf einen Kursrückgang wetteten, nur noch verlockender machte.[1]
Der Rest der Autoindustrie ließ diese Wette vernünftig erscheinen. General Motors, mehr als 70 Jahre lang der größte Autobauer der Welt, benötigte im Dezember 2008 staatliche Hilfe der US-Regierung und meldete 2009 Insolvenz an. Chrysler würde etwa zur gleichen Zeit Insolvenz beantragen.[1] Vor diesem Hintergrund wirkte Volkswagen nicht wie ein heimlicher Champion. Es sah aus wie ein weiterer großer Autohersteller, der einer brutalen Rezession entgegenging.
Der Trade, der zur Falle wurde
Ein Leerverkäufer leiht sich Aktien, verkauft sie und hofft, sie später zu einem niedrigeren Preis zurückzukaufen. Steigt die Aktie stattdessen, muss der Leerverkäufer dennoch Aktien kaufen, um seine Position zu schließen. Dieser erzwungene Kauf kann den Preis weiter nach oben treiben, was noch mehr Leerverkäufer unter Druck setzt zu kaufen und so eine Rückkopplungsschleife erzeugt.[2]
Bei Volkswagen lag die gefährliche Variante genau dieses Szenarios vor. Die pessimistische These war stark, weithin bekannt und überlaufen. Mox Reports argumentiert, dass ausgerechnet Aktien, die wie die besten Kandidaten für Leerverkäufe aussehen, zu den heftigsten Squeezes führen können, wenn zu viele Händler gleichzeitig versuchen, dieselbe Position zu verlassen.[1]
Dann machte Porsche seinen Zug. Am 26. Oktober 2008 gab der konkurrierende Autobauer bekannt, seinen Anteil an Volkswagen erhöht zu haben.[1] Für Händler, die VW leerverkauft hatten, lautete die Frage nun nicht mehr einfach, ob Volkswagen schwach war. Entscheidend war, ob überhaupt noch genügend Aktien verfügbar waren, um sie zurückzukaufen, bevor der Preis außer Kontrolle geriet.
Und der Preis geriet außer Kontrolle. Mox Reports zufolge führte der Squeeze dazu, dass Volkswagen kurzzeitig zum wertvollsten Unternehmen der Welt wurde, mit einer Marktkapitalisierung, die über der von Exxon Mobil lag.[1] Barry Popiks Archiv zur Geschichte von Finanzbegriffen bewahrt eine Reuters-Schlagzeile vom 28. Oktober 2008 auf, die die Absurdität in nüchterner Börsensprache einfing: „Short sellers make VW the world’s priciest firm.“[3]
Ein schlechtes Unternehmen kann trotzdem ein schlechter Short sein
Der Volkswagen-Squeeze von 2008 wirkte unmöglich, weil die düstere Geschichte über das Unternehmen gar nicht falsch sein musste, damit die Aktie explodieren konnte. Der Autobauer konnte tatsächlich in Schwierigkeiten stecken. Die Autonachfrage konnte tatsächlich einbrechen. Hedgefonds konnten gute Gründe haben, gegen die Aktie zu wetten. Doch in diesem Moment stimmte der Markt nicht über Volkswagens langfristige Gesundheit ab. Er kämpfte mit einem Mangel an verfügbaren Aktien.
Die Episode wurde als „Mother of all Squeezes“ bekannt, und Mox Reports bezeichnet sie als frühes Beispiel eines „Infinity Squeeze“.[1] Die Formulierung „mother of all short squeezes“ war bereits zuvor in Finanztexten aufgetaucht, unter anderem 1994 im Zusammenhang mit der Muttergesellschaft von NordicTrack, und wurde später während des GameStop-Hypes unter Internet-Tradern bekannt.[3]
Für Volkswagen war dieser Moment nur von kurzer Dauer. Mox Reports schätzt die Verluste von Hedgefonds durch den Squeeze auf rund 30 Milliarden US-Dollar.[1] Exxon Mobil kehrte an die Spitze zurück. Volkswagen war wieder ein Autobauer in einer schwer angeschlagenen Weltwirtschaft. Doch an einem seltsamen Tag während der Finanzkrise war das wertvollste Unternehmen auf dem Bildschirm ausgerechnet die Aktie, die Leerverkäufer am verzweifeltsten kaufen mussten.


