Anfang der 1970er-Jahre begann ein Familienspiel mit Holzklötzen, die in einem Sägewerk in Takoradi, Ghana, gekauft worden waren. Es gab kein Comic-Maskottchen, keinen Plastikdreher, keinen Spielplan, der sich in Viertel falten ließ. Nur kleine Holzstücke, von Hand aufgestapelt und dann aus der Mitte herausgezogen, bis sich alle am Tisch nach vorn beugten und darauf warteten, dass die Schwerkraft ihre Entscheidung traf.[1]
Jenga behielt seinen seltsamen kleinen Namen, weil die Erfinderin Leslie Scott überzeugt war, dass die Menschen schon lernen würden, was er bedeutet. Die Firma, die das Spiel produzierte, zog verständlichere Namen wie „Timber!“ oder „Tumbling“ in Betracht, doch Scott weigerte sich, den aus dem Swahili stammenden Namen gegen eine verkappte Spielanleitung einzutauschen.
Leslie Scott, die britische Spieledesignerin, die Jenga erfand, war in Ostafrika aufgewachsen und sprach Englisch und Swahili.[3] Das Wort leitet sich von „kujenga“ ab, dem Swahili-Wort für „bauen“ oder „errichten“ – fast schon komisch treffend für ein Spiel, bei dem jeder Zug das Bauwerk zugleich höher und schlechter macht.[3]
Die Sorge um den Namen war aus kommerzieller Sicht durchaus nachvollziehbar. Hätte man das Spiel „Timber!“ genannt, hätten die Leute den Krach schon gehört, bevor sie die Schachtel öffneten. Hätte man es „Tumbling“ genannt, wäre das Versprechen sofort klar gewesen. Eine spätere generische Version, „Tumbling Tower“, beschreibt die gesamte Handlung bereits in ihrer Spielanleitung: einen Holzklotz aus der Mitte oder von unten herausziehen, oben auflegen und so lange weitermachen, bis der Turm fällt.[2]
„Jenga“ dagegen verlangte Geduld. Der Name erklärte sich einem eiligen Käufer nicht von selbst. Für viele englischsprachige Kunden klang er fremd, und genau dieses Problem sollte die vorgeschlagene Umbenennung lösen. Scotts Wette war: Ein Name muss nicht schon bei seiner Ankunft fertig erklärt sein, wenn das, was dahintersteht, einprägsam genug ist.
Ein Spiel, gebaut aus Unvollkommenheit
Das Spiel selbst half dem Namen zu überleben. Ein Jenga-Set besteht aus 54 Holzklötzen, und die Regeln sind beinahe brutal einfach: Man zieht jeweils einen Klotz aus einem Turm und legt ihn oben wieder auf, wodurch die Konstruktion mit jedem gelungenen Zug instabiler wird.[1][3] Das Spiel kann allein oder in einer Gruppe gespielt werden, ist in weniger als zwei Minuten aufgebaut und dauert meist etwa 5 bis 15 Minuten.[1][3]
Die Klötze sind nicht vollkommen identisch, und diese winzigen Unterschiede sind entscheidend. Durch die leichten Abweichungen lassen sich manche Klötze herausziehen, während andere festklemmen – so wird jeder Zug zu einer kleinen Untersuchung mit den Fingerspitzen.[1] Ein perfektes Set aus makellosen, einheitlichen Klötzen wäre ein schlechteres Spiel. Jenga lebt vom Zögern, vom vorsichtigen Antippen, von der Entdeckung, dass ein Stein locker sitzt, während sich der daneben anfühlt, als sei er festgeschweißt.
Der offizielle Ablauf ist schlicht. Den Turm in Dreierreihen aufbauen. Unterhalb der obersten vollständig gebauten Ebene ziehen. Nur eine Hand benutzen. Den herausgenommenen Klotz oben auflegen. Verlieren, wenn der Turm fällt.[1][3] Eine Spielanleitung für „Tumbling Tower“ beschreibt fast dasselbe Ritual: einen Klotz berühren, um ihn zu testen, ihn zurückschieben, wenn man ihn bewegt, aber nicht verwendet, und dann den nächsten Spieler weitermachen lassen.[2]
Der Name wurde selbst zur Erklärung
Scott brachte das Spiel im Januar 1983 auf der London Toy Fair unter dem Namen Jenga heraus und verkaufte es über ihre eigene Firma, Leslie Scott Associates.[3] Frühe Sets wurden für sie vom Camphill Village Trust in Botton, Yorkshire, hergestellt, und ein originales Set wurde vom V&A Museum of Childhood ausgestellt.[3]
Diese Geschichte macht den Namensstreit so charmant. Die klareren Namen waren keineswegs unsinnig. „Timber!“ und „Tumbling“ fingen beide den lautesten Moment des Spiels ein. Scott entschied sich stattdessen für den leiseren Moment: das Bauen, das vorsichtige Anheben, den Stapel, der höher wächst, weil jemand noch einen weiteren Klotz gefunden hat, der sich bewegen lässt.
Heute braucht das Wort keine Hilfe mehr. Sagt man in einem Raum „Jenga“, kennen die Leute die Haltung, noch bevor sie die Schachtel vor Augen haben: Schultern nach vorn, Finger zusammengekniffen, eine Hand in der Schwebe, alle beobachten einen kleinen Holzturm, der entscheidet, ob ein Name von allein stehen kann.






