König Ludwig II. wollte eine Burg, die bereit für einen Ritter schien. Dann ließ er Telefone in den oberen Stockwerken installieren.

Im dritten und vierten Stock von Neuschwanstein hatte der mittelalterliche Traum einen sehr modernen Klang. Die Bayerische Schlösserverwaltung listet dort Telefone auf, zusammen mit Warmluft-Zentralheizung, fließendem Wasser in jedem Stockwerk, warmem und kaltem Wasser in der Küche, automatischen Spültoiletten, einer elektrischen Rufanlage für Bedienstete und einem Speiseaufzug, der das Abendessen nach oben befördern konnte, ohne dass ein Diener Teller durch die Treppenhäuser tragen musste.[1]

Die Arbeiten auf dem Berg begannen 1868, und der Palas entstand ab 1872, doch die alt aussehende Burg wurde nie mit alten Methoden gebaut. Der Thronsaal benötigte moderne Ingenieurskunst, einschließlich einer ummantelten Stahlkonstruktion.[2] Dampfbetriebene Kräne halfen beim Zusammenbau von Mauern, die an die Ritterzeit erinnern sollten. Große Industriefenster befanden sich im historistischen Gewand.

In den Räumen, die Ludwig für sich selbst plante, kam die Vergangenheit an, wobei die schlechtesten Teile still und leise entfernt wurden. Neuschwanstein hatte romanische Bögen, gemalte Legenden, Türme, Schwäne und sogar eine Grotte, aber auch sanitäre Anlagen, Heizung, Glocken und Servicesysteme. Die offizielle Geschichte des Schlosses beschreibt den Historismus des 19. Jahrhunderts als eine Möglichkeit, alte Stile mit modernen handwerklichen und technischen Mitteln zu perfektionieren.[3] Ludwig musste nicht zwischen Fantasie und Bequemlichkeit wählen. Er baute eine Fantasie, die beheizt werden konnte.

Als diese Räume eingerichtet wurden, hatte sich Ludwig bereits von den gewöhnlichen Aufgaben des Königtums zurückgezogen. Er wurde 1864 König und sah dann, wie Bayern nach der Niederlage gegen Preußen an Macht verlor. Die Schlösserverwaltung beschreibt, wie er mehr Zeit in den Bergen verbrachte und sein Privattheater mit Aufführungen, die nur für ihn inszeniert wurden, am Laufen hielt.[3] Neuschwanstein passte zu diesem Leben: teils Zufluchtsort, teils Opernkulisse, teils sorgfältig kontrolliertes Königreich.

Sieben Wochen nach Ludwigs Tod im Jahr 1886 wurde das private Refugium für Besucher geöffnet.[4] Ein für den Rückzug konzipiertes Haus wurde zu einer der meistbesuchten Burgen Europas. Die Menschen kamen wegen der Türme und Legenden, aber das fremdere Artefakt befand sich innerhalb der Mauern: eine Maschine des 19. Jahrhunderts, um sich mittelalterlich zu fühlen, ohne kalt, schmutzig oder unbequem zu sein.

Ein Besucher kann den Kompromiss im Gebäude immer noch erkennen. Die Menschen wollen die Vergangenheit selten ganz zurück. Sie wollen ihren Glanz, aber ohne die Unannehmlichkeiten. Neuschwanstein bewahrt diesen Wunsch in Stein: eine Burg, geformt wie eine Legende, wo ein König eine Glocke drücken, eine Toilette spülen und auf das Abendessen warten konnte, das durch den Boden emporstieg.

Quellen

  1. Bayerische Schlösserverwaltung, „Interieur und moderne Technik“
  2. Bayerische Schlösserverwaltung, „Baugeschichte“
  3. Bayerische Schlösserverwaltung, „Historismus“
  4. Encyclopaedia Britannica, „Schloss Neuschwanstein“