Charles Lindbergh saß am Steuer deutscher Bomber, bevor die meisten Amerikaner überhaupt entschieden hatten, was Hitlers Deutschland für sie bedeutete. Eingeladen, die Luftwaffe zu begutachten, besichtigte er Fabriken, zählte neue Flugplätze, beobachtete ein Land, das sich rund um die militärische Luftfahrt neu ausrichtete, und zeigte sich beeindruckt von dem, was er Deutschlands „organisierte Vitalität“ nannte.[1]

Charles Lindbergh war nicht nur der Pilot, dem der erste Nonstop-Alleinflug von New York nach Paris gelang. Vor dem Zweiten Weltkrieg lobte er die Luftmacht Nazideutschlands, nahm eine Auszeichnung von Hermann Göring entgegen und wurde zur bekanntesten isolationistischen Stimme des America First Committee.

1927 hatte das Bild noch einfacher gewirkt. Lindbergh war 25 Jahre alt, als er mit der Spirit of St. Louis von New York nach Paris flog — eine Leistung, die ihn beinahe über Nacht zu einem internationalen Helden machte.[3] Zeitungen feierten ihn, Menschenmengen verfolgten jeden seiner Schritte, und das Land machte den jungen Flieger zu einem Symbol für Mut, Technik und die modernen Möglichkeiten Amerikas.

Später wurde der Blick der Öffentlichkeit unerträglich. 1932 wurde Lindberghs 20 Monate alter Sohn aus dem Haus der Familie in New Jersey entführt. Die Suche, der Fund der Leiche des Kindes und der anschließende Prozess wurden zu einem nationalen Spektakel, das durch Lindberghs Berühmtheit noch weiter angeheizt wurde.[3] 1935 verließen Charles und Anne Morrow Lindbergh nach Jahren der Presseaufmerksamkeit und aufdringlichen Berichterstattung die Vereinigten Staaten. Lindbergh schrieb einem Freund: „Wir Amerikaner sind ein primitives Volk“ und fügte hinzu, die Amerikaner hätten wenig Respekt vor dem Gesetz oder den Rechten anderer.[1]

Der Held im Ausland

Auf dem englischen Land und später auf einer kleinen Insel vor der Nordwestküste Frankreichs fand Lindbergh Privatsphäre — und einen neuen Kreis einflussreicher Kontakte.[1] Er arbeitete eng mit Dr. Alexis Carrel zusammen, einem französischen Nobelpreisträger, der für seine Pionierarbeit bei chirurgischen Techniken an Blutgefäßen und bei Organtransplantationen bekannt war.[1] Lindbergh, der ein Talent für mechanische Erfindungen besaß, kooperierte mit Carrel bei Forschungen dazu, wie Organe außerhalb des Körpers am Leben erhalten werden könnten. 1938 veröffentlichten die beiden The Culture of Organs.[1]

Carrels wissenschaftlicher Ruf ging mit verstörenden Ansichten einher. In einem Interview von 1935 sagte er: „Es führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass die Menschen eindeutig nicht gleich geschaffen wurden“, und er befürwortete die Beseitigung von Kriminellen, Geisteskranken und anderen, von denen er glaubte, sie schwächten die Zivilisation.[1] Lindbergh bewunderte ihn und nannte Carrels Geist „den anregendsten“, dem er je begegnet sei.[1]

Deutschland trat über die Luftfahrt in Lindberghs Leben. 1936 bat ihn der amerikanische Militärattaché in Berlin, über die deutsche Luftmacht zu berichten. Charles und Anne besuchten die Olympischen Sommerspiele als Gäste von Hermann Göring, dem Chef der Luftwaffe.[1] Lindbergh besichtigte Flugzeugfabriken, übernahm das Steuer moderner Bomber und reiste in den folgenden zwei Jahren noch zweimal nach Deutschland.[1]

Was er dort sah, überzeugte ihn davon, dass keine europäische Macht Deutschland in einem Krieg standhalten könne.[1] Für manche Beobachter klang das wie die nüchterne Einschätzung eines Piloten zu Flugzeugen, Fabriken und Startbahnen. Für andere klang es angesichts der wachsenden Aggression der Nazis beunruhigend nah an Bewunderung.

America First

Die Medaille machte es noch schwieriger, diese Verbindung herunterzuspielen. Lindbergh nahm im Namen Adolf Hitlers eine Auszeichnung von Göring entgegen — eine öffentliche Ehrung durch jenes Regime, dessen Luftwaffe er untersucht hatte.[2] Während Europa auf den Krieg zusteuerte, argumentierte er, die Vereinigten Staaten sollten sich heraushalten.

In seiner Heimat wurde Lindbergh eng mit dem America First Committee verbunden, jener isolationistischen Organisation, die sich gegen einen Kriegseintritt der USA im Zweiten Weltkrieg stellte. All That's Interesting beschreibt ihn als den faktischen Sprecher der Gruppe, während Hitlers Ambitionen immer schwerer zu ignorieren waren.[2] Bei America-First-Kundgebungen sprach er vor großen Menschenmengen und warnte vor einer Intervention.[2]

Seine Politik ging über bloße Vorsicht vor einem weiteren Krieg hinaus. Berichte über seine Vorkriegsansichten beschreiben, wie er dafür warb, die „weiße Rasse“ zu schützen, und seine öffentlichen Äußerungen brachten ihm Vorwürfe des Antisemitismus und der Sympathie für die Nazis ein.[2] Biography.com fasst den Schaden nüchtern zusammen: Vor Pearl Harbor wurde Lindbergh wegen seiner Verbindungen zu den Nazis sowie seiner isolationistischen und antisemitischen Ansichten zur Zielscheibe der Kritik, auch wenn er später zum amerikanischen Kriegseinsatz beitrug, nachdem die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren.[3]

Lindberghs Ruf nahm nie wieder die makellose Form der alten Fliegerfotografien an. Der Pilot, der allein den Atlantik überquert hatte, stand auch vor amerikanischen Menschenmengen, während Nazideutschland sich über Europa ausbreitete — und nutzte die Autorität eines Helden, um seinem Land zu sagen, es solle außerhalb des Krieges bleiben.

Quellen

  1. PBS American Experience, "Fallen Hero"
  2. All That's Interesting, "How Charles Lindbergh Wrecked His Legacy Pushing Anti-Semitism And Neutrality Toward The Nazis"
  3. Biography.com, "Charles Lindbergh"