Als der Zauberer die Vogelscheuche endlich belohnt, zaubert er kein Gehirn im Glas hervor und führt auch keine Operation in der Smaragdstadt durch. Er überreicht ihr ein Diplom. Die Vogelscheuche, frisch gekürt zum „Doktor der Denkwissenschaft“, beweist sich sofort mit einem großen Auftritt in Geometrie: „Die Summe der Quadratwurzeln beliebiger Seiten eines gleichschenkligen Dreiecks ist gleich der Quadratwurzel der verbleibenden Seite.“[1]

In Der Zauberer von Oz feiert die Vogelscheuche ihr Diplom, indem sie eine verunstaltete Version des Satzes des Pythagoras aufsagt. Sie spricht von einem „gleichschenkligen Dreieck“ und von „Quadratwurzeln“, doch der echte Satz handelt von Quadraten über den Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks.

Der Satz klingt ungefähr zwei Sekunden lang gelehrt. Dann bricht die Mathematik zusammen. Der Satz des Pythagoras gilt für rechtwinklige Dreiecke, nicht allgemein für gleichschenklige Dreiecke, und er setzt die Quadrate der beiden Katheten mit dem Quadrat der Hypotenuse in Beziehung.[2] Die Vogelscheuche sagt „Quadratwurzeln“, nicht Quadrate. Sie sagt „beliebige Seiten“, nicht die beiden Seiten, die am rechten Winkel anliegen. Sie trifft den Klang eines Lehrsatzes, aber nicht den Lehrsatz selbst.

David Pleacher zitiert die Zeile der Vogelscheuche in einer Geometriestunde rund um die Szene und behandelt sie als Rätsel für den Unterricht: Sie klingt wie der Satz des Pythagoras, ist aber nicht der Satz des Pythagoras.[1] Sein Fazit ist so eindeutig wie eine rote Korrekturmarkierung. Die Behauptung, die die Vogelscheuche aufsagt, ist niemals wahr.[1]

Erst kommt das Diplom

Der Fehler funktioniert, weil die Zeremonie dem Publikum bereits gesagt hat, was es erwarten soll. Die Vogelscheuche hat die ganze Geschichte über ein Gehirn gewollt, und in L. Frank Baums ursprünglicher Oz-Erzählung wird sie als Figur eingeführt, die glaubt, keines zu haben, obwohl sie sich immer wieder als fähig erweist und später als ungewöhnlich weise anerkannt wird.[3] Der Witz besteht nicht einfach darin, dass sie dumm ist. Er besteht darin, dass sie eine offizielle Bestätigung für eine Eigenschaft braucht, die die Geschichte sie immer wieder zeigen lässt.

Der Film verdichtet diesen alten Widerspruch zu einer winzigen Abschlussszene. Der Zauberer verleiht ihr einen Titel. Die Vogelscheuche antwortet mit akademischem Selbstvertrauen. „Gleichschenklig“ und „Quadratwurzel“ sind genau die Wörter, die einen Satz klug klingen lassen können, solange niemand innehält und das Dreieck zeichnet. Auf dem Papier wird dieses Selbstbewusstsein Teil der Komik.

Deshalb hat die Zeile unter mathematisch aufmerksamen Zuschauern ein so langes Nachleben gehabt. Eine Diskussion über die Szene auf Movies & TV Stack Exchange beginnt mit der Beschwerde, dass Generationen von „Besserwissern“ den Fehler bemerkt hätten, und zählt dann die konkurrierenden Erklärungen auf, die Menschen angeboten haben: Vielleicht wollten die Filmemacher zeigen, dass die Vogelscheuche weiterhin etwas begriffsstutzig war, vielleicht klang „gleichschenklig“ klüger, vielleicht sagte der Schauspieler das falsche Wort, oder vielleicht unterlief der Produktion schlicht ein Fehler.[2]

Das falsche Dreieck

Die angegebenen Quellen klären nicht endgültig, welche Erklärung richtig ist. Was sie jedoch belegen, ist die Merkwürdigkeit selbst: Nachdem die Vogelscheuche das Symbol der Intelligenz erhalten hat, trägt sie sofort schlechte Geometrie vor.[1] Hätte sie den Lehrsatz sauber formuliert, wäre die Szene ordentlich abgerundet gewesen. Stattdessen bleibt in einem der vertrautesten Hollywood-Enden ein kleiner Haken hängen.

Baums Vogelscheuche war nie bloß ein strohgefüllter Hohlkopf. Sie war naiv, gerade erst geschaffen und überzeugt, dass ihr etwas Wesentliches fehlte, obwohl ihre Taten immer wieder das Gegenteil bewiesen.[3] Der verpatzte Lehrsatz des Films bewahrt diese Spannung in einem absurd geschliffenen Satz: eine Vogelscheuche mit Diplom, stolz neben dem Zauberer stehend, während das Publikum mit dem falschen Dreieck zurückbleibt.

Quellen

  1. Scarecrow in the Wizard of Oz, David Pleacher
  2. Why does Scarecrow in The Wizard Of Oz get the Pythagorean Theorem wrong?, Movies & TV Stack Exchange
  3. Scarecrow (Oz), Wikipedia