Spät am 26. April 1777 erreichte ein erschöpfter Bote das Haus von Colonel Henry Ludington nahe der Grenze zwischen New York und Connecticut. Er brachte Nachrichten aus Danbury: Britische Truppen waren in die Stadt in Connecticut eingedrungen, hatten dort militärische Vorräte der Patrioten entdeckt, Nachschub zerstört, Gebäude geplündert und Feuer gelegt, die noch meilenweit zu sehen waren.[1]
Sybil Ludington ist als jene 16-Jährige in Erinnerung geblieben, die laut Familienüberlieferungen und späteren historischen Darstellungen etwa 40 Meilen durch die Nacht ritt, um die Miliz ihres Vaters nach dem britischen Überfall auf Danbury zu alarmieren – eine Strecke, die oft als mehr als doppelt so lang beschrieben wird wie Paul Reveres berühmter Ritt.
Henry Ludington hatte zwar auf dem Papier ein Regiment, aber nicht vor der Haustür. Die Miliz aus Dutchess County, die er befehligte – rund 400 Männer –, war auf Heimaturlaub über die ländliche Gegend verstreut.[1] Ludington hatte im Franzosen- und Indianerkrieg gedient, besaß eine Getreidemühle und lebte direkt jenseits der Grenze zu Connecticut. Doch in jener Nacht hing seine Autorität davon ab, im Dunkeln die einzelnen Farmhäuser zu erreichen.[1]
Der Bote, der die Warnung überbracht hatte, war bereits völlig am Ende, als er Ludingtons Tür erreichte.[6] In der traditionellen Erzählung meldete sich Sybil, die älteste Tochter des Colonels, entweder freiwillig oder wurde gegen 21 Uhr hinausgeschickt – in Regen, Dunkelheit und über schlechte Landstraßen.[1] Sie war erst Anfang des Monats 16 Jahre alt geworden.[2] Spätere Berichte lassen ihre Route durch Orte wie Carmel, Mahopac und Stormville führen, während sie den Männern zurief, sie sollten sich bei Ludington versammeln, weil die Briten Danbury niederbrannten.[6]
Bei Tagesanbruch, so heißt es in der Geschichte, hatte sie fast 40 Meilen zurückgelegt und war nach Hause zurückgekehrt, nachdem sie die Miliz aufgerüttelt hatte.[1] Der Vergleich mit Paul Revere lag nahe – teils, weil Reveres Ritt kürzer war, teils, weil Amerikaner die Vorstellung einer nächtlichen Warnung zu Pferd seit jeher lieben. In einer Version soll Sybil einen Wegelagerer mit der Muskete ihres Vaters vertrieben haben; in einer anderen ist es stattdessen ein Stock.[1][6] Diese wechselnde Waffe ist selbst ein kleines Warnsignal, denn Ludingtons Ritt ist vor allem in späteren Nacherzählungen überliefert, nicht in einem sauber erhaltenen Bündel von Dokumenten aus dem Jahr 1777.
Der Brand von Danbury
Danbury war wichtig, weil dort Vorräte für die Sache der Patrioten lagerten. Berichte schildern, wie britische Truppen Lebensmittel, Schuhe, Getreide, Zelte und andere Vorräte vernichteten und zugleich Häuser von Patrioten sowie öffentliche Gebäude in Brand setzten.[6] Der Angriff zog amerikanische Kräfte nach Ridgefield in Connecticut, wo es am folgenden Tag zu Kämpfen kam.[4]
In Ridgefield wurde General David Wooster getötet, und Benedict Arnold – damals noch auf Seiten der Revolution – wurde das Pferd unter dem Sattel weggeschossen.[4] Colonel Ludingtons Männer trafen zu spät ein, um Danbury zu retten, doch spätere Darstellungen schreiben der zusammengerufenen Miliz zu, die Briten bei ihrem Rückzug bedrängt zu haben.[1] Danach schrieb Alexander Hamilton an Colonel Ludington, die in Danbury zerstörten Vorräte seien vom Feind zu einem „ziemlich hohen Preis“ erkauft worden.[1]
Der berühmteste Dank in Sybils Geschichte kam von noch höherer Stelle in der Befehlskette der Revolution. Traditionelle Berichte sagen, sie habe persönlichen Dank von General George Washington und von General Rochambeau erhalten, dem französischen Kommandeur, der an der Seite der Amerikaner kämpfte.[1] Dieses Detail trug dazu bei, aus einer lokalen Familiengeschichte das Bild einer jugendlichen Heldin der Revolution zu formen.
Das Problem mit der Legende
Es gibt keinen bekannten offiziellen Nachweis aus dem Jahr 1777, der beweist, dass Sybil Ludington diesen Ritt tatsächlich unternahm. Gedruckte Darstellungen erschienen erst viel später – zunächst in einer lokalen Geschichte von 1880 und dann in einer Veröffentlichung von 1907, die mit den Memoiren ihres Vaters verbunden war.[2] Smithsonian Magazine weist darauf hin, dass sich sogar grundlegende Details verändern, darunter die Schreibweise ihres Namens und die Frage, ob ihr Pferd überhaupt einen Namen hatte.[4]
Im 20. Jahrhundert wurde die Geschichte immer größer. Straßenschilder in New York, Bücher, Statuen und eine US-Briefmarke zum Bicentennial von 1975 trugen Ludingtons Namen weit über Putnam County hinaus.[2] In Carmel, New York, zeigt eine Statue von Anna Hyatt Huntington sie zu Pferd; die Inschrift beschreibt ein 16-jähriges Mädchen, das allein durch die Nacht ritt, um die ländliche Umgebung vor dem brennenden Danbury zu warnen.[1]
Sybil Ludington heiratete später Edmond Ogden, bekam einen Sohn namens Henry und starb 1839, kurz vor ihrem 78. Geburtstag.[1][2] Was bleibt, ist zugleich Geschichte und Streitfrage: eine dunkle Straße, eine brennende Stadt irgendwo hinter den Bäumen – und ein Mädchen, an das man sich erinnert, weil es die Warnung von einem Farmhaus zum nächsten getragen haben soll.
Quellen
- Revolutionary War, “Sybil Ludington”
- Wikipedia, “Sybil Ludington”
- HISTORY, “Who Was The Teen Girl Known as the ‘Female Paul Revere?’”
- Smithsonian Magazine, “Did the Midnight Ride of Sibyl Ludington Ever Happen?”
- TheCollector, “Sybil Ludington: The Girl Who Rode Twice As Far As Paul Revere?”
- New England Historical Society, “At Half His Age, Sybil Ludington Rode Twice as Far as Paul Revere”






