Im Jahr 2007 tat Thailand etwas, wovor wohlhabende Länder oft ausdrücklich gewarnt werden. Es sah sich den Preis eines lebensrettenden HIV-Medikaments an, sah sich das dahinterliegende Patent an und sagte: So geht die Rechnung nicht mehr auf.[1]
Bei dem Medikament handelte es sich um Kaletra, Abbotts Kombination aus Lopinavir und Ritonavir, eine wichtige Zweitlinientherapie für Menschen, bei denen das erste HIV-Behandlungsschema nicht mehr wirkte.[1][2] Abbott verkaufte es in Afrika für etwa 500 Dollar pro Patient und Jahr, in Thailand lag der Preis jedoch bei mehr als 4.000 Dollar. Selbst nach einem Rabattangebot erklärten thailändische Behörden, das Medikament sei für ein Land, das ein nationales HIV-Programm aufrechterhalten wolle, immer noch zu teuer.[1]
Also griff Thailand zu einem der trockensten, aber folgenreichsten Instrumente der globalen Gesundheitspolitik: der Zwangslizenz. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation können Länder in einem öffentlichen Gesundheitsnotstand günstigere Generikaversionen patentgeschützter Medikamente zulassen. Thailand nutzte diese Flexibilität Anfang 2007, um den Weg für eine bezahlbarere Version von Kaletra freizumachen.[1][3]
Abbott reagierte mit der Ankündigung, sieben neue Medikamente in Thailand nicht zu registrieren, darunter auch die neuere hitzestabile Form von Kaletra. Das war in einem heißen Land wichtig, in dem verlässliche Kühlung alles andere als selbstverständlich war.[1] An diesem Punkt klingt ein Patentstreit nicht mehr abstrakt. Es geht nicht länger nur um geistiges Eigentum. Es geht darum, ob das Medikament das Klima aushält, eine Klinik erreicht und bei einem Patienten ankommt, dessen Möglichkeiten knapp werden.[1]
Thailand blieb hart. Spätere Forschung ergab, dass die staatliche Nutzungslizenzpolitik des Landes für sieben patentierte Medikamente, darunter Lopinavir/Ritonavir, über fünf Jahre hinweg Einsparungen von rund 370 Millionen Dollar bringen sollte, weil sie den Weg für Generikakonkurrenz öffnete.[4] Forscher, die Thailand und Brasilien verglichen, kamen außerdem zu dem Schluss, dass Zwangslizenzen dazu beitrugen, die finanzielle Tragfähigkeit universeller antiretroviraler Programme zu erhalten, die durch Monopolpreise bedroht waren.[3]
Der Konflikt war wichtig, weil er das Doppelleben eines Patents offenlegte. Auf die eine Weise eingesetzt, belohnt es Erfindung. Auf die andere Weise wird es zum Hebel über ein öffentliches Gesundheitssystem, das immer noch entscheiden muss, wer behandelt wird und wer warten muss. Thailand schaffte die Regeln nicht ab. Es nutzte die Ausnahme, die die Regeln selbst erlaubten, und zwang den Rest der Welt dazu, sich zu fragen, wozu Patente dienen, wenn Menschen das Medikament jetzt brauchen.[1][3][4]






