Im von der Pest heimgesuchten Bombay machte Waldemar Haffkine aus seinem Impfstoff etwas Gefährlicheres als nur eine Idee aus dem Labor. Bevor er andere bat, ihn anzunehmen, verabreichte er sich die Dosis selbst.[1]
Waldemar Haffkine, bereits für einen Cholera-Impfstoff bekannt, entwickelte während der Bombay-Epidemie von 1896 einen Impfstoff gegen die Beulenpest und testete ihn an sich selbst, bevor er ihn in Indien einsetzte.[1]
Die Bitte kam mitten in einer Krise. 1896 brach in Bombay die Beulenpest aus, und die Regierung wandte sich an Haffkine, einen im Russischen Kaiserreich ausgebildeten Bakteriologen, der später am Pasteur-Institut in Paris gearbeitet hatte.[1] Er kam ohne jede Garantie, dass verängstigte Menschen einer neuen Injektion vertrauen würden. Was er jedoch mitbrachte, war die Erfahrung, seinen eigenen Körper in seine Experimente einzubeziehen.
Vor der Pest war die Cholera gekommen. Am Pasteur-Institut entwickelte Haffkine einen Impfstoff gegen Cholera und brachte ihn anschließend nach Indien, wo er ihn erfolgreich erprobte.[1] In den 1890er-Jahren verlief solche Arbeit nicht sauber vom Labortisch in die Klinik. Ein Impfstoff musste das Labor überstehen, die Epidemie – und das Misstrauen der Menschen, die ihn erhalten sollten.
Drei Monate in einer Peststadt
Die Arbeit in Bombay zog sich etwa drei Monate hin, bis das Pestpräparat bereit war. Der Druck zeigte sich im kleinen Team um ihn herum: Ein Assistent erlitt einen Nervenzusammenbruch, zwei andere kündigten.[1] Dieses Detail gibt der Episode ihr menschliches Maß. Außerhalb des Labors breitete sich die Pest in der Stadt aus. Drinnen erschöpfte die Arbeit genau jene Menschen, die helfen sollten, sie aufzuhalten.
Haffkine antwortete mit demselben persönlichen Selbstversuch, den er schon zuvor angewandt hatte. Er wurde als erster Mikrobiologe bekannt, der Impfstoffe gegen sowohl Cholera als auch Beulenpest entwickelte und einsetzte – und er testete diese Impfstoffe an sich selbst.[1] Die Handlung war wissenschaftlich, aber auf stille Weise auch öffentlich. In einer Impfkampagne konnte Vertrauen mit dem Anblick des Arms des Erfinders selbst beginnen.
Der Impfstoff ließ die Pest nicht verschwinden. Kein einzelnes Präparat hätte das 1896 in Bombay leisten können. Doch er gab den Gesundheitshelfern ein weiteres Werkzeug in einem Moment, in dem eine Infektion wie Schicksal wirken konnte, und er verknüpfte Haffkines Namen mit einem der frühen Wendepunkte der Pestimpfung.[1]
Der Außenseiter, den man unverzichtbar nannte
Haffkine hatte schon Grenzen überschritten, lange bevor Bombay nach ihm rief. Er wurde in Odessa in eine jüdische Familie geboren, an der Kaiserlichen Universität Noworossija ausgebildet und ging später über die Schweiz und Frankreich an das Pasteur-Institut.[1] Als er in Indien in den Pestnotstand eintrat, hatte seine Laufbahn bereits Orte durchlaufen, an denen Nationalität, Religion und sozialer Rang oft als harte Trennlinien galten.
Die Anerkennung folgte der Pestarbeit rasch. Bei den Diamond Jubilee Honours von Königin Victoria im Jahr 1897 wurde Haffkine zum Companion of the Order of the Indian Empire ernannt.[1] The Jewish Chronicle bemerkte die ungewöhnliche Symbolik und beschrieb, wie „ein ukrainischer Jude, ausgebildet in den Schulen der europäischen Wissenschaft“, das Leben von Hindus und Mohammedanern rette und von der britischen Krone ausgezeichnet werde.[1]
Joseph Lister, der Chirurg, dessen Name mit der antiseptischen Medizin verbunden ist, nannte Haffkine „einen Retter der Menschheit“.[1] Der Satz ist groß genug, um heute beinahe fern zu wirken. Schärfer bleibt das kleinere Bild: ein Pestimpfstoff nach Monaten erschöpfender Arbeit, eine Stadt in Angst – und Haffkine, der zuerst seinen eigenen entblößten Arm hinhält.[1]






