Im Frühjahr 1908 kam Black Jack, der Hauskater des British Museum, mit einem großen Gegenstand im Maul zu E. A. Wallis Budge, dem Kurator der ägyptischen Altertümer. Er legte ihn Budge vor die Füße. Das Bündel entpuppte sich als Kätzchen, das im Museum bald unter dem Namen Mike bekannt wurde.[1]
Der Kater Mike wurde für rund 20 Jahre zum inoffiziellen Torwächter des British Museum. Er war dafür bekannt, den Eingang zu patrouillieren, Hunde zu vertreiben, Futter nur von ausgewählten Menschen anzunehmen – und so berühmt zu werden, dass das Time Magazine gleich zweimal über seinen Tod berichtete.
Im folgenden Jahr begann Mike, den überlieferten Berichten zufolge, bei Black Jack das Museumshandwerk zu lernen. Der ältere Kater brachte ihm bei, Tauben auf eine merkwürdig förmliche Weise zu jagen: Er zeigte wie ein Hund auf die Beute, während der jüngere Kater sich anschlich. Mike trieb eine Taube in die Enge, betäubte sie und brachte sie zur Haushälterin, die den Vogel gegen Futter und Milch eintauschte, bevor sie ihn unverletzt wieder freiließ.[1]
Im Februar 1909 hatte Mike mit der Arbeit begonnen, die später untrennbar mit seinem Namen verbunden war: Er half dabei, das Haupttor des British Museum zu bewachen.[1] Die Berufsbezeichnung klingt komisch, weil der Angestellte ein Kater war. Doch der Ort selbst bot Raum für eine solche Figur. Das Museum hatte Gelehrte und Altertümer, aber eben auch einen Portikus, Hauspersonal, Tauben, streunende Hunde, Besucher und einen Haupteingang, an dem ein wachsames Tier Teil des täglichen Betriebs werden konnte.
Ein Torwächter mit Vorlieben
Mike blieb rund zwei Jahrzehnte am British Museum. In dieser Zeit machten Berichte aus ihm eine kleine öffentliche Persönlichkeit: weniger ein Haustier als ein Wesen mit eigenen Regeln. Er war dafür bekannt, Frauen aus dem Weg zu gehen und Hunde nicht ausstehen zu können. Futter nahm er nur von Menschen an, die ihn, wie es in der überlieferten Formulierung heißt, „als Mann und Bruder“ behandelten.[1]
1924 zog sich Mike aus dem offiziellen Dienst zurück, doch sein Ruhestand bedeutete nicht, dass er von der Bildfläche verschwand. Er beobachtete weiterhin das Kommen und Gehen am Museum, und auf umherstreunende Hunde reagierte er nach wie vor heftig. Ein Bericht schrieb, die Hunde seien „in panischer Angst geflohen“, wenn Mike angriff.[1]
Sein Ruf reichte weit über das Tor hinaus. Nachdem Mike im Januar 1929 gestorben war, widmete ihm das Time Magazine zwei Artikel und bezeichnete ihn später als „wahrscheinlich die berühmteste britische Katze des 20. Jahrhunderts“.[1] Das ist eine große Behauptung für ein Tier, dessen Aufgaben darin bestanden, zu sitzen, zu beobachten, Zuneigung zurückzuweisen und unsichtbare Regeln rund um einen Museumseingang durchzusetzen.
Die Menge unter dem Portikus
Ein Artikel im Star aus dem Jahr 1927 zeigte Mike mitten im menschlichen Verkehr des British Museum. Er soll Gelehrte, darunter „berühmte Männer aus allen Ländern“, mit derselben philosophischen Miene betrachtet haben wie gewöhnliche Neugierige. Die Besucherliste des Artikels wird zu einer kleinen Straßenszene: Oberschülerinnen in Uniform, Londoner Straßenkinder, die den Portikus als Spielplatz nutzten, schwarz gekleidete Mönche, hinduistische Frauen im Sari, japanische Besucher und Touristen mit Hornbrillen.[1]
Im Zentrum dieser Menge bestand Mikes Rolle vor allem darin, zu schauen. Das genügte. Ein Museumstor ist eine Schwelle zwischen der Stadt und der kuratierten Vergangenheit, und Mike ließ diese Schwelle wirken, als sei sie von einer Persönlichkeit besetzt. Bevor die Besucher zu den ägyptischen Altertümern, Beschriftungen, Vitrinen und Katalogen gelangten, begegneten sie womöglich zuerst einem Kater mit einem ausgeprägten Gespür dafür, wer sich nähern durfte, wer ihn füttern durfte und welche Hunde entfernt werden mussten.
Als Mike starb, schrieb Budge einen Nachruf für den Evening Standard. Er wurde zur Grundlage einer kleinen Monografie mit dem wunderbar präzisen Titel Mike, the cat who assisted in keeping the main gate of the British Museum from February 1909 to January 1929.[1] Das Werk wurde als Höhepunkt seiner eigentümlichen biografischen Form beschrieben: das ernste Leben eines sehr besonderen Katers.[1]
Die Monografie enthielt eine Ode von F. C. W. Hiley, deren erhaltene Zeilen liebevoll und leicht gekränkt klingen: „Old Mike! Farewell! We all regret you, Although, you would not let us pet you.“[1] Es ist ein passendes Bild für Mike am Tor: betrauert von Menschen, die er stets auf den von einem Kater selbst gewählten Abstand gehalten hatte.






