Für einige Jahrzehnte konnte man in Amerika ein Haus fast so kaufen wie Socken oder landwirtschaftliche Werkzeuge: Man schlug einen Sears-Katalog auf und wählte das gewünschte Modell aus.[1]

Von 1908 bis 1940 verkaufte Sears Zehntausende Versandhäuser und bot mehr als 370 Entwürfe an, von schlichten Bungalows bis zu großen Häusern im Kolonialstil.[1][2] Das Versprechen wirkte verblüffend modern. Das künftige Haus kam per Bahn als riesiger Bausatz an, komplett mit Bauplänen und den meisten Materialien, die für den Bau gebraucht wurden.[1][2][3]

Das war keine Kiste mit ein paar Brettern darin. Ein typisches Sears-Bausatzhaus enthielt mehr als 30.000 Teile und konnte rund 25 Tonnen wiegen.[2][3] Nach 1916 wurden viele Häuser mit vorgefertigtem Schnittholz geliefert, das mit Buchstaben und Zahlen markiert war, damit Bauleute jedes Teil dem Plan zuordnen konnten. Sears sagte, das könne die Bauzeit um bis zu 40 Prozent verkürzen.[2][3] Fenster, Türen, Schindeln, Holzarbeiten und Beschläge konnten Teil der Bestellung sein, und Käufer konnten Häuser mit Inneninstallationen, Zentralheizung und Elektrizität bekommen, zu einem Zeitpunkt, als diese Annehmlichkeiten vielerorts noch neu wirkten.[1][2]

Die größere Idee war nicht nur das Haus selbst. Sears half dabei, Hausbau in ein Einzelhandelssystem zu verwandeln: standardisiert, finanziert und in großem Maßstab verschickt.[2] Das Unternehmen begann in den 1910er Jahren mit Finanzierungen. Das bedeutete, dass manche Käufer nicht nur ein Haus aus dem Katalog bestellten, sondern gleich auch die Hypothek dazu.[2]

Der seltsame Teil kam später. Sears vernichtete viele Verkaufsunterlagen der Modern Homes, sodass Historiker und Hausbesitzer erhaltene Häuser heute über alte Hypotheken, Urkunden, Planübereinstimmungen und das noch in Kellern und Dachböden versteckte markierte Holz nachweisen müssen.[2][3] Das ist wichtig, weil nicht jeder Bungalow aus dem frühen 20. Jahrhundert ein Sears-Haus ist. Forscher von SearsHouses.com schätzen, dass nur ein kleiner Teil der während der Bausatzhaus-Ära errichteten Häuser überhaupt von Sears stammte.[3]

Genau deshalb wirkt die Geschichte bis heute nach. Lange vor dem Einkauf mit einem Klick verwandelte Sears den größten Kauf im Leben der meisten Menschen in etwas, das beinahe alltäglich aussah. Man wählte ein Modell, wartete auf den Eisenbahnwagen und baute aus nummerierten Brettern eine Zukunft. Viele dieser Häuser stehen noch immer. Das heißt, manche der unscheinbarsten Häuser Amerikas sind in Wahrheit Überlebende des Versandhauszeitalters.[1][2][3] In manchen Vierteln laufen Menschen vielleicht an ehemaligen Katalogangeboten vorbei, ohne es zu merken.


Quellen

  1. Vorgefertigte Häuser, U.S. National Park Service
  2. Honor-Bilt Modern Homes, Sears-Roebuck-Katalog, Internet Archive
  3. Sears-Häuser in den USA, SearsHouses.com